Gemeinsam schaffen wir das: Flüchtlinge in Brochterbeck

Gemeinsam schaffen wir das: Flüchtlinge in Brochterbeck

„Warum macht Ihr das alles für uns?“

Diese Frage stellte vor einigen Tagen ein anerkannter Asylbewerber aus Syrien. Wir saßen gemeinsam in der Flüchtlingswohnung, drei Syrer, mein Mann und ich. Eine gute Frage war mein erster Gedanke. Aber mein kurzer Gedanke wurde schon unterbrochen von seinen Ausführungen. Deutschland nimmt uns auf, gibt uns eine Unterkunft, gibt uns finanzielle Unterstützung zum Leben und bietet uns Deutschkurse an.

Das Gespräch dieses Abends ging mir lange im Kopf herum, ja, warum machen wir das und was machen wir eigentlich besonderes? Das „wir“, in dem ich stecke, gibt es auf vielfältige Weise: ich bin Deutsche, Tochter eines Flüchtlingsmädchens aus Schlesien, ich gehöre der Kirchengemeinde Heilig Kreuz an und ich bin Einwohnerin von Brochterbeck.

Was machen meine sozialen Zugehörigkeiten und meine Einstellung zu den Flüchtlingen aus? Vor einigen Monaten wurde ich von außen mit der Frage „Wie ist der Umgang mit Flüchtlingen in Tecklenburg?“ konfrontiert. Einige Gedanken, die in der damaligen Gesprächsrunde geäußert wurden, ließen mich nicht wieder los. Äußerungen wie „wir bringen den Asylanten dann mal ein Paket mit Kleidung vor die Tür und dann ist ja alles gut“ oder ähnliche Aussagen waren für mich nicht die Lösung des Problems, zeigten alle Äußerungen doch, dass auf keinen Fall der persönliche Kontakt gewünscht war. Aber, ist es gut Menschen, die oftmals alles verloren haben und zum Teil traumatisiert zu uns kommen einfach ihrem Schicksal zu überlassen? Wir leben in einem Land, das sich an christlichen Wertvorstellungen orientiert, und liegt hier nicht auch gerade eine Verpflichtung für uns?

Ja, was machen wir in Brochterbeck eigentlich alles für die Flüchtlinge? Da gibt es verschiedene Dinge, auch ganz kleine Dinge, die zusammen aber vieles bewirken. Im ehemaligen Küsterhaus der Kirchengemeinde wohnen jetzt 11 Menschen aus 3 Nationen. Es gibt Deutschunterricht, der ehrenamtlich von Lehrern gegeben wird. Zwei Gruppen treffen sich insgesamt an vier Terminen zum Unterricht und saugen den Unterrichtsstoff wie durstige Schwämme auf. Sie freuen sich, lernen zu dürfen. Es finden regelmäßige Begegnungsnachmittage statt, die aufgrund der regen Teilnahme von beiden Seiten immer wieder Mut machen, die Arbeit fortzusetzen. Viele der jungen Asylbewerber nehmen gerne Einladungen zu Gemeindefesten wahr und trainieren regelmäßig im Sportverein. Es gibt einen großen E-Mailverteiler, über den Informationen oder auch Bitten für fehlende Kleidung, Begleitung bei Behördengängen oder auch Hausaufgabenhilfe bekannt gemacht werden. Es gibt zahlreiche Unterstützer und so findet sich eigentlich immer jemand, der helfen kann und so werden alle anstehenden Aufgaben gelöst. Nicht zuletzt wurde durch die Arbeit vor Ort aber eine ganz wesentliche Änderung erreicht. Die Brochterbecker und die hier wohnenden Asylbewerber kennen sich, man grüßt sich auf der Straße. Not und Angst haben hier ein Gesicht und geben dem anhaltenden Flüchtlingsstrom noch einmal eine ganz andere Perspektive.

Ja, die Frage warum macht ihr das alles für uns, ist bei mir von mehreren „wir“ getragen und ich helfe gerne. Dass der Staat mit finanziellen Mitteln hilft und vor Ort ehrenamtlich die Arbeit geleistet wird, die die Integration der Asylbewerber fördert, ist untrennbar miteinander verbunden. Wir leben in Deutschland in einem reichen Land, das schon mehrfach in der Lage war Menschen aufzunehmen und zu integrieren. Gemeinsam schaffen wir das auch jetzt, und wenn ich in die leuchtenden Augen der dankbaren Menschen blicke, ist das für mich genügend Lohn und gleichzeitig Ansporn diese Arbeit fortzusetzen.

Martina Lampe

Osnabrücker Zeitung vom 15. September 2016:

Brochterbecker sehr aktiv

„Ich kann nur für Brochterbeck sprechen“, betont Martina Lampe vom dortigen Arbeitskreis Flüchtlinge. Hier sind nach ihren Worten im ehemaligen Küsterhaus, einer Doppelhaushäfte, der Heilig-Kreuz-Gemeinde elf Personen aus drei Nationen untergebracht. Die Brochterbecker haben im Gegensatz zu den anderen Angesprochenen auch schon Mittel aus dem Flüchtlingshilfe-Topf des Bistums abgerufen: „Wir haben von dem Geld Materialien für den Deutschunterricht angeschafft“, erläutert Lampe. Auch in Brochterbeck engagieren sich ganz unterschiedliche Leute im Arbeitskreis. Wie viele genau, lasse sich schwer sagen. Der Unterstützerkreis bestehe aus etwa 50 Personen, acht bis zehn seien „ganz Aktive“. Die Anlaufstelle in Brochterbeck bestehe aus zwei Personen: „Dann wird geguckt, wer Zeit hat und was wer machen kann. Vieles läuft über den großen E-Mail-Verteiler“, erklärt Lampe.