Gefangene besuchen: JAHR DER BARMHERZIGKEIT

Gefangene besuchen: JAHR DER BARMHERZIGKEIT

Am 8. Dezember 2015 eröffnete Papst Franziskus das Jahr der Barmherzigkeit. Wir haben uns in unserer Gemeinde darüber Gedanken gemacht und bieten verschiedene Veranstaltungen an. Unter diesem Aspekt wollen wir auch Gefangene besuchen.

Josefine MayFrauen aus der Justizvollzugsanstalt (JVA) Vechta haben unter Anleitung meiner Kollegin Josefine May (2. v. l.) ein Tuch zu den Werken der Barmherzigkeit gestaltet. Frau May arbeitet dort als Gefängnisseelsorgerin seit über 10 Jahren. Vielleicht haben auch Sie sich schon mal Barmherzigkeit gewünscht oder anderen geschenkt. Am Freitag, den 29. Januar 2016 besteht die Möglichkeit, anhand des selbstgestalteten Tuches mit einigen Frauen aus der JVA Vechta darüber ins Gespräch zu kommen. Besonders Frauen sind eingeladen. Maximal 15 Personen können teilnehmen. Bitte Personalausweis mitbringen. In der JVA muss ein Formular ausgefüllt werden und es gibt eine Leibesvisitation wie am Flughafen. Die Anreise erfolgt mit privaten Pkw. (FahrerInnen gesucht!) Der Ablauf sieht folgendermaßen aus:

13.25 Uhr Treffpunkt an der Ludwigkirche

13.30 Uhr Abfahrt mit Privatwagen nach Vechta, Parkplatz Zitadelle

14.30 Uhr Besuch des Museums (Gefängnisgeschichte) im Zeughaus an der Zitadelle

15.30 Uhr Fußweg zur JVA, Josefine May empfängt uns, klärt Formalien und erzählt uns etwas über die Einrichtung und Hintergründe

16.30 Uhr Betrachtung des Tuches und Gespräch mit Frauen aus der JVA

17.30 Uhr Verabschiedung und Rückweg

Kosten: 10 € (Umlage der Benzinkosten, Eintritt für das Museum, Spende für die JVA )

Anmeldung bitte bis zum 22. Januar bei Mariele Klüppel-Neumann, 05455-7079 oder Mariele.Klueppel-Neumann@heiligkreuz.info

Hungertuch 2005 JVA Vechta Barmherzigkeit

Nachdem im Jahre 2004 das Hungertuch von Misereor von Frauen aus der JVA in Frankfurt entworfen wurde, haben wir uns in Vechta Gedanken über ein eigenes Tuch für 2005 gemacht. Unterstützt wurden wir von einer Frauengruppe aus der Gemeinde Visbek. Die KFD Visbek kommt seit einigen Jahren regelmäßig ins Gefängnis um mit den Frauen in der JVA im Gespräch zu bleiben oder gemeinsam etwas zu machen (Postkarten basteln, beten…). Diese Begegnungen sind sehr wichtig und für beide Seiten erfahrungsreich. In dieser Gruppe wurde das Hungertuch geboren. Dargestellt sind Symbole von Aschermittwoch bis Ostern. In der JVA haben wir in den Sonntagsgottesdiens-ten die einzelnen Symbole zur Sprache gebracht. In der Gemeinde Visbek habe ich sonntags dazu eine Ansprache gehalten und das Hungertuch während dieser Woche in der Kirche aufgehängt. Hier meine Ansprache zum Hungertuch in der Gemeinde in Visbek.
Josefine May

Liebe Mitchristinnen, liebe Mitchristen!
Bei Matthäus 25,36 lesen wir, wie Jesus sagt: Ich war im Gefängnis, und ihr seid zu mir gekommen.
Diesen Satz haben einige Frauen hier aus der Gemeinde wörtlich genommen. Seit einigen Jahren kommen Frauen aus Visbek um Frauen im Gefängnis zu besuchen und Zeit mit ihnen zu verbringen. Bei diesen Besuchen entstand der Gedanke ein Hungertuch für die Fastenzeit zu gestalten. So haben wir Ende letzten Jahres damit begonnen, und nach vielen Treffen ist dieses Tuch dabei entstanden. Als Hintergrund für die einzelnen Motive haben wir die Welt genommen. Auf der ganzen Welt feiern Christen die Fastenzeit und das Osterfest. Es ist die wichtigste Zeit für uns Christen und überall wird sie auf besondere Weise begangen. Allerdings gibt es auch weltumspannende Symbole die eindeutig etwas über diese besondere Zeit aussagen. Wir haben sie deshalb auf der ganzen Welt verteilt. Ins Auge stechen das Alpha und das Omega. Anfang und Ende, ein Zeichen das allen von der Osterkerze vertraut ist. Ab Aschermittwoch gilt es die 40 Tage der österlichen Buß- und Fastenzeit besonders zu gestalten. Es waren Begriffe wie Fasten, Verzichten, Versöhnung, die uns bewogen haben die Bonbonschale, das Glas Wein und die Hände, die sich Menschen entgegenstrecken darzustellen. Gerade für Menschen in Haft ist die Frage nach Schuld und Vergebung von tiefer Bedeutung. Verzichten und Fasten gehören schon fast zur Tagesordnung. Denn vieles, was für Menschen in Freiheit selbstverständlich ist, ist für Menschen in Haft ein besonderer Luxus. Aber nicht der Verzicht auf materielle Dinge ist die Herausforderung, sondern das Nicht-selbst-entscheiden-Können. Außerdem sind die Einsamkeit und das Verlassen-sein sehr schwierig. Die Frau, die besinnlich niederkniet, bringt zum Ausdruck, dass gerade im Gefängnis eine Zeit der Besinnung zwangsläufig verordnet ist. Sicher werden jetzt einige sagen: „Die werden auch bestraft, damit sie sich besinnen und keine kriminellen Taten mehr begehen“. Das ist richtig. Die Hängematte ist das Symbol für das Nachdenken. Menschen, die der Gesellschaft geschadet haben, wird allerdings nur die Freiheit entzogen, nicht aber die Menschenwürde. So gilt auch für Menschen in Haft, dass sie als Persönlichkeit geachtet und unter Wahrung ihrer Würde von der Gesellschaft ausgeschlossen werden. Mir geht es nicht darum Straftaten zu verharmlosen, sondern darum Menschen, die einen Fehler gemacht haben oder sich mit Schuld beladen haben, eine Chance zur Versöhnung zu eröffnen. Oft haben die Frauen schon genug mit ihrem Leben zu kämpfen. Die Verurteilung durch die Gesellschaft darf nicht unbarmherzig werden. Ich würde mir wünschen, dass es für Strafentlassene draußen mehr Hände gäbe, die sich ihnen entgegenstreckten. Gerade als Christin bin ich eingeladen, dem Beispiel Jesu zu folgen und einen Neuanfang zu ermöglichen. So wie wir es immer wieder im Evangelium hören. Mir ist klar, wie schwierig das ist. Die Symbole auf der linken Seite, das Herz, das Kreuz und der Anker, stehen für Glaube, Hoffnung und Liebe. Diese drei sind im ersten Korintherbrief von Paulus als das Höchste bezeichnet worden. Den Glauben nicht zu verlieren, die Liebe immer wieder zu entdecken und die Hoffnung nie auf-zugeben, das waren Wünsche von Jesus für uns Menschen. Und er ließ sie Wirklichkeit werden.

Die Trauerweide hat eine vielfältige Aussagekraft. Sie steht für die Traurigkeit: die Trauer über den Verlust wichtiger Menschen, über den Verlust von Liebe und Angenommen-sein-um-ihrer-selbst-willen oder über den Verlust von Achtung und Selbstachtung . Viele Frauen in Haft haben die Selbstachtung verloren. Sie sind über sich selbst so enttäuscht, dass das wichtigste Gebot, das Jesus uns gegeben hat, kaum noch zu erkennen ist. Jesus hat gesagt: Das erste und wichtigste Gebot ist: Du sollst den Herrn deinen Gott lieben mit ganzer Seele und mit ganzer Kraft, ebenso wichtig ist, du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.

Doch sich selbst zu lieben, wie soll das gehen, wenn schon als Baby erfahren wurde, nicht geliebt zu sein? Das ist oft für das ganze Leben prägend. Deshalb ist die Leidensgeschichte im Mittelpunkt: Der Berg in der Dunkelheit, der Grabstein, das Kreuz aber auch die Kerze, die aus dem Loch der Dunkelheit hervorgeht. Für uns Christen ist die Heilige Woche, die Kar- und Osterwoche, die wichtigste Zeit im Jahr. Jesus erlitt Schmerz, Trauer, Leid und Tod, um uns die Versöhnung für das Leben hier und einst bei Gott zu schenken. Wir dürfen voller Zuversicht und Hoffnung diese Tage erwarten und uns darauf vorbereiten. Ich glaube, so intensiv und dicht wie im Gefängnis habe ich diese Zeit noch nie erlebt. Gerade hier sind die Frauen offen, genauso wie die Menschen zur Zeit Jesu. Auch da waren die Menschen, die am Rande lebten, die keine Lobby hatten, diejenigen, die für seine Botschaft empfänglich waren. So ergeht es uns heute oft im Gefängnis. Hier ist eine tiefe Sehnsucht nach Leben in Fülle, wie Jesus es verheißen hat. Auch in dem Hungertuch finden wir es wieder. Die Friedenstaube, ein Symbol für Frieden auf der Welt, aber auch für den Frieden mit sich selbst. Ebenso die Ähre, ein Zeichen für Leben, für Sattsein, für Nicht-hungern-Müssen, für Innerlich-nicht-hungern-Müssen. Und zum Schluss noch die Sonne. Jesus sagt: Ich bin das Licht der Welt. Wer an mich glaubt, wird nicht mehr im Dunkel sein. Das wünschen sich unsere Frauen für alle Menschen: durchstrahlt zu werden von der Liebe Gottes. Dann kann sich erfüllen, was Jesus uns gewünscht hat: dass wir uns den Menschen zuwenden. Denn „alles was ihr den Geringsten meiner Schwestern und Brüder getan habt, das habt ihr mir getan.“
Josefine May

Eine Frau aus Vechta hat ihre persönliche Lebensgeschichte, ihren Glauben und ihre Zweifel während der Arbeit an dem Hungertuch reflektiert:
„Wenn du denkst, es geht nicht mehr, kommt von irgendwo ein Lichtlein her.“ Aber nicht ein einziger Sonnenstrahl fällt in die Dunkelheit. Das ist es, was uns so zu schaffen macht. Manchmal denke ich: Gott, was ist unser bisschen Christsein noch wert, wenn wir so versagen? Ich sehe die Bilder in den Medien an, die traurigen, müden Gesichter, die dunklen, bittenden Augen. Dann frage ich mich leise: Warum hast du bloß nichts getan?

Aber ich glaube auch, dass sich die Stimme meines Herzens inzwischen lautstark Gehör verschafft hat. Dass mir jetzt mit aller Gewalt bewusst wird, was ich immer wieder verdrängt habe und was doch so wichtig ist: Das Füreinander-Dasein, dieses gegenseitige Sichwärmen und Licht-Schenken, das unser Leben wieder hell und schön macht. Das, was mir von Jahr zu Jahr wegen zunehmender Kälte verloren gegangen ist.

Mir wird klar, dass ich immer nur vorankommen wollte, immer mehr vom Leben haben wollte: Ein neues Haus, eine neue Wohnzimmereinrichtung, ein größeres Auto, Urlaub im Harz genügt nicht mehr; es muss Teneriffa, Tunesien, die Malediven sein. Meine Kinder: im Reitverein, im Fußballverein und Tennisverein. Darüber haben wir die Sprache der Liebe verlernt, auch ich.
„ Lobe den Herrn, meine Seele und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat.“

Ich erkenne, wie reich ich schon in meinem Leben von der gütigen Hand Gottes beschenkt wurde. Wie Gottes Liebe mich in jedem Augeblick meines Lebens, oft sogar in schrecklichen Situationen, umschlossen hat. Mir wird zurzeit bewusst, wie gut es mir im Vergleich zu meinen Mitmenschen in Südostasien eigentlich geht. Auch wenn bei mir zurzeit wieder einmal Trauerwolken am Himmel stehen. Trotz der schweren Zeit habe ich mir im Großen und Ganzen eine zuversichtliche Einstellung zum Leben bewahrt. Ich denke, und das hat mir geholfen, ich kann mit manchem Missgeschick fertig werden und daraus lernen. Liebe baut Brücken: Wir sollten alle neuen Mut und Stärke im Gebet finden. Alles getrost in Gottes Hände legen und auf ihn vertrauen. Gott tut Wunder und geht oft seltsame Wege, um uns heimzuholen an sein Vaterherz….

Legen wir alles in Gottes Hände.

Ich hatte geglaubt, dass ich seit dem Tod meines Freundes nicht mehr die Kraft aufbringe, Gott noch so zu vertrauen, wie ich seit meiner Kindertage immer vertraut habe. Es ist so entsetzlich dunkel um mich geworden und ich habe mich in dieser Dunkelheit verlaufen. Furchtbar, wie sich mein Leben durch viele Schicksalsschläge verändert hat. Wie dieser Tod alles zerstört hat. Alles was ich mir in den letzen Jahren an Hoffnung, Zuversicht und Liebe aufgebaut hatte. Wenn wir Gottes Hand ergreifen, kehrt wunderbarer Frieden in unser Herz ein. Gottes Liebe bewahrt nicht vor allem Leid. Sie bewahrt aber in allem Leid (Hans Küng). Gott ist der große Architekt, der die Baupläne von uns allen macht. Alles was sich Positives in meinem Leben zugetragen hat, trägt die Handschrift Gottes.

Ich glaube nicht, dass Liebe verjährt.
M. G.

Dies ist eine Veranstaltung unserer Gemeinde zum außerordentlichen Heiligen Jahr der Barmherzigkeit. In einer Handreichung des Bistums Münster zu den „Pforten der Barmherzigkeit im Bistum Münster“ heißt es: BARMHERZIGKEIT TEILEN

Mein Weg durch die Pforte der Barmherzigkeit führt mich zu Gott. Hier begegne ich ihm. Hier erfahre ich seine Nähe. Hier stoße ich auf die Quelle, die mich in meinem Glauben stärkt – und in meinem Leben.

Diese Pforte der Barmherzigkeit kann ich mit in mein Leben nehmen. Ich kann im Alltäglichen Pforten der Barmherzigkeit entdecken, sie öffnen, hindurchgehen.

Aus diesem Zuspruch heraus finde ich zu mir. Ich gehe auf Menschen zu. Ich tue Gutes im Namen Gottes: Werke der Barmherzigkeit – ein lebendiges Zeugnis über Gottes Wirken im Leben der Menschen. Ich bin im Namen Gottes tätig, sein Ohr, seine Hand, sein Herz.