Gertrud Althoff referiert über die Ibbenbürener jüdischen Familien Löwenstein und Rosenthal

Gertrud Althoff referiert über die Ibbenbürener jüdischen Familien Löwenstein und Rosenthal

am Mittwoch, 4. Juni 2014, um 20 Uhr im Pfarrzentrum St. Ludwig.

VERMÄCHTNIS eines jüdischen Familienclans aus dem Nordwesten Deutschlands

Vorstellung des neuen Buches von Gertrud Althoff

Das Geschenk dieses umfangreichen Familien-Nachlasses war sowohl eine Herausforderung, wie auch eine Verpflichtung. Vor allem sei von Anfang an klar gestellt: Es geht hier um jüdische Familien,  die Jahrhunderte und nicht nur 12 Jahre (während der NS-Zeit) zwischen und mit uns gelebt haben.

Die Personen, die hier beurkundet wurden oder schrieben, malten, dichteten …, ahnten nicht, wie weit sich zeitlich und räumlich ihr Leben eines Tages von den Menschen entfernt haben würde, die im Lande ihrer Sprache verbliebenen sind. Die Erben in Übersee können die Sprache ihrer Vorfahren nicht mehr lesen, weshalb sie nach Deutschland zurückgeschickt wurden. Und das hat seinen guten Grund, denn die Urkunden bezeugen deutsche Lebensweise.

In den Urkunden, von denen man nur ahnen kann, zu welchem Zweck sie ursprünglich ausgestellt oder geschrieben wurden, ging es häufig um ganz persönliche Schreiben, die gar nicht für Fremde bestimmt waren. Als Historiker dringt man mit solchen Quellenzeugnissen aus dem Leben von Familien in das intime Familiengeschehen  ein, was auch indiskret werden kann.

Eine große Freude war es mir, sozusagen verloren gegangene Mitglieder der Familie (wieder) ausfindig zu machen oder Zusammengehörigkeiten zu entdecken, die vorher im Dunkel lagen, z.B. wurde mir erst auf Grund der mir übersandten Urkunden klar, dass die Ehefrauen der Ibbenbürener Bürger Louis Löwenstein und Moses Rosenthal Schwestern sind und beide gebürtige JACOBS aus Sögel.

Das größte Problem war für mich die Gleichzeitigkeit von Geschehnissen. Es ist wohl klar, dass auch ein Geschichtsbuch oder ein Roman mit vielen Handlungssträngen nur nacheinander darstellen oder erzählen kann, was eigentlich nebeneinander gedacht werden muss, aber dies verlangt eine wissende Distanz, die erst einmal erarbeitet werden muss und sich tatsächlich erst nach längerer Zeit und mit Hilfe von Archiven, Standesämtern und hilfreichen Kollegen herauskristallisierte.

Die moderne Technik macht es zum Glück möglich, dass man erst einmal mit dem Entwirren eines Knäuels der Ereignisse an einer Stelle beginnt, indem  man sich eine Familie aus dem Gesamtverband vornimmt. Später kann man dann einfügen, korrigieren, streichen. Am Ende aber müssen dann doch die Einzelkapitel in eine Abfolge gebracht werden. Welche Familien werden erst beschrieben, welche später?

Die JACOBS oder HELLER oder GOLDBERG oder LÖWENSTEIN oder ROSENTHAL oder SONNENBERG sind nicht etwa gerade erst im 19. Jahrhundert neu Hinzugekommene, nein, alle diese Familien lebten Jahrhunderte lang in Westfalen und in den angrenzenden Gebieten (wozu man auch das Grenzgebiet in den Niederlanden rechnen muss, wie wir ja bei mehreren dieser Familien sehen), und sie fanden sich gegenseitig schon vor. Kurzum: Die Reihenfolge des Erzählens ist eigentlich beliebig und stellt auf keinen Fall eine chronologische oder Rankfolge dar. Vielmehr können wir uns auch einzelnen Familien eines Ortes besonders intensiv zuwenden.

Für mich war es sehr faszinierend, in das Sozialgebilde dieses Familienverbandes einzusteigen, die gemeinsamen Menschlichkeiten, den für mich unbekannten Zusammenhalt über Generationen hinweg und die Tapferkeit und den Mut in Verfolgung und Not zu sehen, in der diese religiöse Minderheit offenbar in Jahrtausenden besonders geübt ist.

 

 

ÜBER MICH

 

Gertrud Althoff , Rheine,  
als Lehrerin ausgebildet in Geschichte, (kath.) Religionslehre und Deutsch  
für den Unterricht an Realschulen und in der Sekundarstufe II des Gymnasiums 

 

Mitten im II. Weltkrieg geboren im Töddendorf Hopsten,  
aufgewachsen in einem lebhaften Geschäftshaushalt in Rheine-Eschendorf, 
in der Umgebung von zerbombten und noch arbeitenden Textilfabriken,  
als achtes von zwölf Geschwistern und dadurch in großer persönlicher Freiheit, 
unter der sich Unternehmungslust und Eigenständigkeit entwickeln konnten. 
Immer lebten und verkehrten auch „Fremde“ im Elternhaus:  
ein französischer Kriegsgefangener,  
eine russische ehemalige Zwangsarbeiterin,  
Flüchtlinge aus Schlesien,  
Angestellte „mit Familienanschluss“,  
französische Sprachstudenten,  
englische Austauschschüler,  
indische Tänzerinnen auf Deutschlandtournee,  
chinesische Freunde aus Singapur,  
ein nigerianischer Lehrersohn auf Besuch…  
Der Traum meiner Mutter, mit einem Wohnwagen die weite fremde Welt zu bereisen, kann heute realisiert werden. 
Das Studium an der Universität Münster ermöglichte neben der eigenen Lebenserfahrung auch die theoretische Auseinandersetzung mit dem „frappierend Anderen“, eben dem Fremden oder vermeintlich Fremden. (Das Judentum z.B. sollte Christen nicht fremd sein!). Vor allem Reiseberichte als Geschichtsquelle dienten zur Entlarvung der eurozentristischen Weltsicht. 
Die Beschäftigung mit dem Judentum in Theologie und Geschichte führte zu einer neuen Selbsterkenntnis.  
Abgesehen von der Ausweitung der Nationalgrenzen zur EU  
beeindruckten nachhaltig:  
die Teilnahme am Katholischen Weltmedienkongress in Bangkok 1990  
und am allerersten Hilfskonvoi der Herz-Jesus-Gemeinde Rheine nach Vilnius im Frühjahr 1991,  
der Besuch des Tilapia-Weltkongresses in Elfenbeinküste 1993,  
vielfache Besuche und Wanderungen durch Israel zwischen 1979 und 2010,  
die freundschaftlichen Beziehungen zu den jüdischen Flüchtlingen aus Westfalen in Übersee,  
der von Wini Nachtwei (Münster) geführte Besuch der Konzentrationslager in und um Riga, 
(teilweise mehrmaliger) Besuch und intensive Beschäftigung mit verschiedenen anderen Lagern der NS-Zeit wie
Westerbork, Bergen-Belsen, Auschwitz,  Dachau, Stutthof, Litzmannstadt (Lodz) u.a.m.
das Zusammenleben mit „unseren bosnischen Flüchtlingen“ von März bis Oktober 1993 und – nach ihrer Abschiebung – die Erkundungsreise in ihr Heimatstädtchen 2oo3, das z.Zt. noch unter serbischer Vorherrschaft leidet,  
das Leben mit unseren Gasttöchtern und -söhnen aus den USA, aus Ghana, Frankreich, Litauen und aus der Slowakei  
und die Tatsache, dass ein Brief an Mr. Präsident Clinton unserer slowakischen Gasttochter zu einem Visum für die USA verhalf…  
In dieser Tradition wuchsen auch unsere Kinder auf und  führen sie – zu unserer Freude – offensichtlich fort …