Günther Grothe berichtet aus Teresina

Günther Grothe berichtet aus Teresina

Günther Grothe kommt am Dienstag, 8. Juli 2014, um 17 Uhr ins Pfarrzentrum St. Ludwig, um über seinen Besuch in Teresina zu berichten.

Bereits am Montag, dem 30. Juni 2014, laden wir um 20 Uhr alle ins Pfarrzentrum ein, die sich vielleicht für einen Besuch in Teresina Anfang der Sommerferien Juli 2015 interessieren. Es geht um zwei Wochen in Teresina (ca. 1.500 Euro) und ggf. um eine Verlängerung zu weiteren touristischen Zielen in Brasilien.

 

Unser früherer Kaplan in St. Ludwig, Günther Grothe, war über Ostern in Teresina/Brasilien und hat Ostern u. a. in unserer Partnergemeinde Nossa Senhora de Fatima zusammen mit Padre Tony gefeiert.

Ostern in Brasilien

Indem  ich fusionsbedingt meine Stelle als Leitender Pfarrer in Recklinghausen aufgegeben  und die 70 überschritten habe, sollte  ich mich doch  „zur Ruhe setzen“  – oder?

In der Ungewissheit  um meine Zukunft höre ich im Advent 2013 die begeisterte Predigt des Franziskaners Fr. Augustinus OFM   über die Missionsarbeit in Brasilien. „Könnten Sie mir vielleicht  einen Aufenthalt zum persönlichen Kennenlernen dort vermitteln?“  – ist  meine spontane Idee. Darauf seine prompte Einladung,  für drei Wochen und über die Kar – und Ostertage nach Teresina, der Riesenstadt im Staat Piaui (Nord-Ostbrasilien)  zu fliegen und dort bei einem älteren deutschstämmigen Ordensbruder, Frei Adolfo, und seinem Mitbruder,  Frei Frederico,  inmitten einer großen Favelasiedlung am Stadtrand,  „Angelim“ genannt,   wohnen zu dürfen.

Vor Jahrzehnten haben die Franziskaner einen Hügel erworben und darauf das „Eremiterium“ eingerichtet, damals  noch einsam gelegen – heute dicht bewohnt . Die Straßen sind holprig, aber ordentlich, die Wasser – und Stromversorgung klappt leidlich; alles ist sauber. Das Leben spielt sich im Freien ab:  Die Kinder toben, die Männer spielen Karten, die Frauen sitzen zum Gespräch vor ihren „Häusern“ – das sind meist nur vier Wände und ein Dach. Manche Männer sind stolz auf ihre wattstarke Beschallung, mit der sie die Siedlung  tags und nachts „erfreuen“.  „Wovon leben diese Leute?“ Niemand kann  mir diese Frage erschöpfend  beantworten. Jedenfalls genügt mein „Bom –  Dia“ (guten Tag), schon winken sie alle freundlich lächelnd. In der Nachbarschaft wird gerade ein großes Gelände („Vitoria“ genannt) illegal neu besiedelt – die Stadtverwaltung scheint machtlos.  Man hat schon einen Platz für eine kleine Kirche (vier Wände und ein Dach)  vorgesehen  – den Ortspfarrer und das Bistum glaubt man nicht fragen zu müssen. Lorenza, eine junge Frau, kümmert sich um das  Entstehen von Kirche und Gemeinde.  So gibt es etliche Kirchlein in dem Wohngebiet; nachträglich werden die neu und „wild“  entstandenen Gemeinden  „Diakonien“ genannt, und man bemüht sich, einen ehrenamtlichen „Diakon“ ausbilden zu lassen und diesen mit der Koordination  zu betrauen. Katechese und Gottesdienstgestaltung übernimmt ein Kreis ehrenamtlicher Laien. Wenn man  auf das Bistum wartet, kommt  eine der vielen Sekten zuvor und hat bereits ihr Gotteshäuschen hingesetzt.

Frei Adolfo nimmt mich mit an den Kartagen und zu den österlichen Gottesdiensten, für die er als  Priester höchst gefragt ist. Wir wechseln von Kirchlein zu Kirchlein; überall sind die Gottesdienste bestens vorbereitet. Sie bleiben mir unvergesslich:  mit den schwungvollen und melodischen Gesängen und mit begeistertem Mitsingen und  Händeschwenken; der Friedensgruß erfolgt mit Umarmungen und Küsschen. Im ganzen Bistum taucht man die Hostie zur Kommunion in den Wein. In der Osternacht zähle ich 16 (!) meist  jugendliche Lektorinnen und Kantoren.   Geburtstagkinder der vergangenen Woche erhalten zum Schluss den Segen und das brasilianische „Happy-birthday“ der Gemeinde. Überall spüre ich die Freude über mein Dabeisein und  Mitmachen… Am Ende gibt es Tee für alle aus winzigen Schälchen.

Als ich mich einmal in einer Favela hoffnungslos verlaufe und nicht mehr aus und ein weiß, bringt mich ein junger Mann auf dem Rücksitz seines Mopeds in atemberaubendem Durchschlängeln im mörderischen Verkehr der chaotischen Großstadt zur großen Innenstadtkirche „Sao Raimondo“, wo mir weiter geholfen wird. Ein Trinkgeld muss ich ihm förmlich aufdrängen… Viele Beispiele spontaner Hilfestellung könnte ich aufzählen.

Über 30 Grad Hitze in der Nähe des Äquators:  Klatschnass sind abends  T-Shirt und Albe; ich habe  meine tägliche „Sauna“. Das gemeinsame Breviergebet am frühen Morgen mit den beiden Patres lässt mich die brasilianisch – portugiesische Aussprache einüben. Durch die Vermittlung meines Gastgebers finde ich Zugang zum Erzbischof von Teresina, zu  seinem cleveren Generalvikar, zu den vielfältigen Sozialprojekten der Kirche vor Ort und auch zu den großen österlichen Gottesdiensten in Kathedrale und Pfarrkirchen. In das vorösterliche Treueversprechen der 80 Priester und Diakone der Erzdiözese reihe ich mich ein; die Kathedrale platz aus den Nähten …

Das Gymnasium Petrinum in Recklinghausen unterhält eine Partnerschaft mit einer Schule in Bacabal, einer Nachbardiözese. Dort führt  man mich in alle Schulklassen, und ich werde mit Ständchen begrüßt. Im Rahmen des Englischunterrichtes kann ich mit den Schülern ins Gespräch kommen. „Wer von euch  möchte denn später mal  Alemanha (Deutschland) besuchen?“  Alle zeigen auf.

Letzte Station ist Sao Luis, die alte und große Hafenstadt mit kostbarer Architektur aus der portugiesischen Kolonialzeit. Auch dort Visite im Konvent der Franziskaner und Besuch in Schule und Schulklassen – und in der Shopping – Meile der Altstadt. Am Ende freue ich mich auf den Abschluss in Angelim und auf die freundlichen Nachbarn in  der Favela.

Frei Adolfo ist seit 50 Jahren in Brasilien und hat Unzählige, zumeist  junge Ordensbrüder, spirituell geprägt. Mit wachem Blick  hilft er mir, Licht und Schatten in Kirche und Staat zu erkennen und meine Detailerfahrungen einzuordnen. Manches hat sich in den letzten Jahren in Brasilien zum Positiven entwickelt; der Hunger ist zurückgedrängt. Viele Ungerechtigkeiten aber sehe und höre ich  immer noch auf Schritt und Tritt .  Das große Aufatmen in der Kirche durch den neuen Papst Franziskus ist in Brasilien ebenso zu spüren wie bei uns in Deutschland.

Ein einheimischer Künstler, Marcos Xenoforte, hat ein Bild gemalt:  ein menschliches Antlitz mit einem lachenden und einem weinenden Auge: Brasilien.

Günther Grothe

Marcos Xenoforte Brasilien