Kirche in der Krise

Kirche in der Krise

Schwester Philippa Rath © Abtei St. Hildegard, Rüdesheim/Eibingen

„Ich bin überzeugt, dass die Frauenfrage schon sehr bald eine Frage von Sein oder Nichtsei für unsere Kirche werden wird“

Sr. Philippa Rath

ES SIND DICKE BRETTER ZU BOHREN

„Die Geduld der Frauen neigt sich in vielen Teilen der Welt dem Ende entgegen“, sagt Benediktinerin Schwester Philippa Rath. Im Interview mit Jutta Laege spricht sie über die Krise der Kirche und die Chancen, die sich daraus vor allem für die Frauen ergeben.

FRAU UND MUTTER: Die katholische Kirche steckt derzeit in einer tiefen Krise. Wie nehmen Sie die aktuelle Situation wahr?

Schwester Philippa Rath OSB: Viele Menschen, darunter auch viele engagierte Christen – Frauen wie Männer, Laien, Priester und Ordensleute aller Generationen –, sind nach meiner Wahrnehmung derzeit stark verunsichert. Auch zornig, wütend und enttäuscht.

Ich erlebe fast täglich in Gesprächen und Begegnungen, dass gläubige Katholikinnen und Katholiken sich zunehmend von der Kirche distanzieren, ihr den Rücken kehren oder sich zumindest mit dem Gedanken daran tragen.

Was ist aus der befreienden Botschaft Jesu geworden?“

Ihr Glaube und ihr Vertrauen sind tief erschüttert. Sie fragen sich, wie das alles, was sie derzeit erleben, mit dem Evangelium vereinbar ist und was aus der befreienden Botschaft Jesu geworden ist.

Wir erleben im Moment vielleicht die schwerste Glaubwürdigkeitskrise, die es in unserer Kirche in den letzten Jahrzehnten gegeben hat. Der aktuelle Grund dafür ist natürlich vor allem die ja wirklich unfassbare MHG-Studie zum Thema Missbrauch, aber auch das skandalöse Finanzgebahren einiger kirchlicher Verantwortungsträger.

Als weitere Gründe für die derzeitige Krise sehe ich aber auch die Frustration über die Strukturreformen in den Diözesen und die aktuelle Situation der Seelsorge, das Gefühl der Ohnmacht gegenüber alten und verkrusteten Machtstrukturen und die zunehmende Unzufriedenheit mit der Rolle der Frauen in der Kirche.

Sie sind ein Gesicht der globalen Kampagne #Overcoming Silence (das Schweigen überwinden), die die Bedeutung von Frauen in der Kirche deutlich machen und ihnen eine Stimme verleihen will. Was sind genau die Ziele dieser Kampagne?

Mich hat eine Mitschwester aus der Schweiz, Priorin Irene Gassmann vom Kloster Fahr bei Zürich, auf diese Kampagne aufmerksam gemacht. Dahinter stehen katholische Frauen aus aller Welt, die nicht länger akzeptieren möchten, dass Frauen an den Ämtern und Entscheidungsprozessen in der Kirche noch immer so wenig beteiligt sind.

Mehr als die Hälfte der 1,28 Milliarden Katholiken auf der Welt sind Frauen. Ihr Anteil an den Entscheidungsprozessen aber ist nach wie vor verschwindend gering.“

Partizipation und Geschlechtergerechtigkeit sind die wesentlichen Stichworte. Die Frauen, die in der Kampagne #OvercomingSilence ihr Gesicht zeigen, wünschen sich, dass der Glaube und die Spiritualität von Frauen, dass ihr Charisma, ihr Fachwissen und ihre Bildung auf allen Ebenen der Kirche endlich anerkannt und integriert wird.

Mehr als die Hälfte der 1,28 Milliarden Katholiken auf der Welt sind Frauen. Ihr Anteil an den Entscheidungsprozessen aber ist nach wie vor verschwindend gering. Dass sich dies in absehbarer Zeit ändern möge, dafür möchten wir uns einsetzen und unsere Stimme erheben.

Die Rufe nach gleichen Ämtern von Frauen und Männern in der Kirche sind in diesen Tagen unüberhörbar – dabei sind sie nicht neu. Schon seit der Würzburger Synode Anfang der 70er-Jahre gibt es die Diskussion um die sakramentale Weihe zur Diakonin. Frauenverbände, das Netzwerk Diakonat der Frau und seit einigen Jahren auch das Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) haben diese Forderung stets wiederholt. Wenn am 29. April wieder der Tag der Diakonin gefeiert wird, was ist dann anders als etwa vor 40 Jahren?

Sie haben recht: Die Forderung nach Gleichberechtigung der Frauen in der Kirche ist nicht neu. Aber, wie wir wissen, hat sich in den letzten 40 Jahren leider trotz vieler Vorstöße und Initiativen wenig bewegt. Eine meiner längst verstorbenen Mitschwestern, Marianna Schrader OSB, hat sich sogar schon im Vorfeld des Konzils, also vor mehr als 50 Jahren, zum Beispiel für den Diakonat der Frau eingesetzt, zu diesem Thema viele Briefe an Konzilsväter geschrieben und dabei unermüdlich auf die ja durchaus gängige Praxis der Diakoninnenweihe in den ersten christlichen Jahrhunderten hingewiesen.

Leider sind alle ihre Bemühungen im Sande verlaufen, weil die ausschließlich männlichen Verantwortungsträger damals die Zeit, wie sie sagten, für noch nicht reif hielten.

Heute, 50 Jahre später, ist die Welt eine vollkommen andere geworden. Es hat sich aus meiner Sicht gleich mehreres dramatisch verändert: Zum einen, was die Kirche angeht, neigt sich die Geduld der Frauen in vielen Teilen der Welt dem Ende entgegen. Es gibt einen sich immer weiter beschleunigenden Auszug der Frauen und der jungen Menschen aus der Kirche.

Zweitens hat sich die gesellschaftliche Situation radikal gewandelt. Die gleichberechtigte Teilhabemöglichkeit an allen Ämtern ist in Politik und Gesellschaft inzwischen selbstverständlich, auch wenn immer noch zu wenige Frauen Führungspositionen innehaben.

Und ein Drittes: Es hat sich, denke ich, Gott sei Dank auch das Bewusstsein und die Einstellung wichtiger Amtsträger in der Kirche verändert. Ich nehme ein langsames Umdenken wahr, eine größere Aufgeschlossenheit, auch bei nicht wenigen den ernsthaften Willen zur Veränderung.

Dieses zarte Pflänzchen muss noch wachsen. Aber ich bin voller Hoffnung, dass es bald zu einem fruchtbaren Miteinander von Männern und Frauen in der Kirche kommt. Beide Seiten können daraus ja nur gewinnen. Schließlich geht es ja um den gemeinsamen Dienst an den Menschen, um die gemeinsame Verantwortung und um die gemeinsame Antwort auf den Heilsauftrag Jesu.

Die Generaloberinnen der deutschsprachigen Kongregationen, die mehrere Tausend Ordensschwestern vertreten, haben jüngst in einem Positionspapier Stellung bezogen, fordern „Partizipation und Geschlechtergerechtigkeit“. Wie viel Einfluss können Ordensfrauen auf die männlich dominierte Kirche und die Entscheidungsträger nehmen?

Ich bin überzeugt, dass Ordensfrauen nach wie vor ein großes Gewicht haben – allein durch ihre immer noch große Zahl und wegen ihres ungebrochenen engagierten Einsatzes in und für die Kirche. Sie müssen meiner Ansicht nach nur den Mut haben, ihre Stimme deutlicher zu erheben, was ja im Moment gottlob auch geschieht.

Es braucht wohl immer eine gewisse Schmerzgrenze, die erst erreicht werden muss, damit klare Positionierung geschieht und sich Widerstand formieren kann. Dazu trägt sicher auch die traurige Tatsache bei, dass auch nicht wenige Ordensfrauen Opfer von physischem, psychischem und geistlichem Missbrauch geworden sind.

Echter Dialog setzt immer gegenseitige Wertschätzung und Achtung voraus und verzichtet auf jede Form von Machtausübung.“

Dieser Aspekt wurde lange in der allgemeinen Missbrauchsdebatte kaum erwähnt. Die Generaloberinnen haben übrigens zu einer neuen „Kultur des Dialogs“ aufgerufen. Echter Dialog setzt immer gegenseitige Wertschätzung und Achtung voraus und verzichtet auf jede Form von Machtausübung.

Konkret fordern die Generaloberinnen übrigens: „In Zukunft sind mehr Frauen bei Bischofssynoden, selbstverständlich mit Stimmrecht, einzubeziehen. Nur so können sie mitentscheiden.“

Auch von der Zulassung von Frauen zu kirchlichen Ämtern und Diensten ist in dem Positionspapier die Rede. Dies alles möchte ich persönlich unterstützen, durch die Teilnahme an Aktionen, aber auch durch mein Gebet.

Ich glaube fest an die verändernde Kraft des Gebets. Deshalb beteiligt sich meine Gemeinschaft der Abtei St. Hildegard in diesen Wochen auch an der Initiative „Gebet am Donnerstag“ (www.gebet-am-donnerstag.ch).

Es wäre wunderbar, wenn sich möglichst viele Frauen, Gruppen und Gemeinschaften an diesem weltumspannenden Gebet für Veränderungen in der Kirche beteiligen würden.

Das Thema Gleichberechtigung ist längst auch an der Basis angekommen. Im Bistum Münster wollen in diesem Mai Frauen, die für und in Kirche arbeiten, in einen Streik treten. Junge katholische Theologinnen reklamieren laut und öffentlich das Priesteramt für sich. Was braucht es denn jetzt noch?

Es gibt unbestritten eine Vielzahl guter und sehr wertvoller Aktionen, Initiativen und Kampagnen. Dennoch habe ich den Eindruck, dass es noch Zeit braucht, bis eine wirkliche Massenbewegung daraus entsteht.

Es sind „dicke Bretter zu bohren“, nicht nur in den Köpfen und Herzen der Männer, in den Strukturen, Organisationen und Gruppierungen, kurz im Gesamtgefüge der Kirche, sondern auch bei uns Frauen selbst.

Begegnung auf Augenhöhe ist immer ein wechselseitiges Geschehen. „

Wenn wir ehrlich sind, müssen wir zugeben, dass wir die systemische Benachteiligung von Frauen über Jahrhunderte hinweg so verinnerlicht haben, dass wir uns zunächst einmal selbst aus alten Denkmustern und Verhaltensweisen befreien müssen.

Ich denke zum Beispiel daran, wie devot und unreif sich Frauen zum Teil immer noch verhalten, wenn ein Priester oder gar ein Bischof in ihrer Nähe ist. Begegnung auf Augenhöhe ist immer ein wechselseitiges Geschehen.

Wir müssen, meine ich, auch selbstkritisch sehen, dass manches Verhalten, das wir mit Recht als Klerikalismus bezeichnen und ablehnen, manchmal durch uns selbst befördert wird. Erst wenn wir selbst uns unserer unverwechselbaren Würde und unserem spezifischen Auftrag als Frauen in der Kirche bewusst sind und als ernstzunehmende Gesprächspartnerinnen auftreten, können wir wirklich etwas verändern.

Sie werden in der o.a. Kampagne zitiert mit den Worten: „Ich bin überzeugt, dass die Frauenfrage schon sehr bald eine Frage von Sein oder Nichtsein für unsere Kirche werden wird.“ Verkürzt gesagt: Ohne Frauen wird es die Kirche bald nicht mehr geben?

So zugespitzt würde ich es nicht formulieren. Aber ich bin überzeugt, dass die Frauenfrage schon heute und künftig noch mehr von existentieller Bedeutung für die Kirche ist und dass es bald sehr einsam werden könnte für die Amtsträger, wenn der Exodus der Frauen oder auch nur die innere Emigration so weiter voranschreiten.

Nicht vergessen dürfen wir ja in diesem Zusammenhang auch, dass der Großteil der Dienste in der Kirche, der katechetischen, vor allem aber der diakonischen und auch seelsorglichen von Frauen geleistet wird.

Nicht zu reden von der Weitergabe des Glaubens in den Familien, die nach wie vor zum allergrößten Teil durch Mütter und Großmütter geschieht. Würde all das wegfallen, wäre unsere Kirche in der Tat mehr als arm dran.

Seit Jahrhunderten kämpfen Frauen für ihre Rechte in Politik, Gesellschaft und Kirche. Gibt es Hoffnung, und was macht Ihnen Hoffnung, dass wir jetzt Zeuginnen und Mitgestalterinnen einer Zeitenwende werden?

In diesem Punkt halte ich es mit Röm 4,18, wo der Apostel Paulus vor Abraham bezeugt: „Wider alle Hoffnung hat er voll Hoffnung geglaubt.“ Wir dürfen niemals den Mut verlieren.

Die Frauen zum Beispiel, die einst für das Frauenwahlrecht gekämpft haben, mussten auch immer wieder neuen Mut fassen. Es gab unendlich viele Rückschläge, und doch sind sie drangeblieben und haben sich nicht entmutigen lassen.

Die gegenwärtige Krise könnte damit eine ganz große Chance sein. Für uns Frauen und für die ganze Kirche.“

Oder wenn ich an die Gründerin meines eigenen Klosters, die Heilige Hildegard von Bingen, denke: Was für eine selbstbewusste, starke und tapfere Frau sie war. Eine große Glaubensverkündigerin und Prophetin, die den kirchlichen und weltlichen Herrschern ihrer Zeit die Stirn geboten hat.

Auch sie wäre ohne die alles besiegende Kraft der Hoffnung machtlos gewesen und am Ende gescheitert. Ganze 850 Jahre, bis 2012, hat es gedauert, bis Papst Benedikt XVI. sie heiligsprach und zur Kirchenlehrerin erklärte. Der Heilige Vater hat seinerzeit sehr genau erkannt, dass die heilige Hildegard genau die Vorbildgestalt ist, die unsere Zeit heute braucht. Er hat also den Kairos, den einen, unverwechselbaren Augenblick der Geschichte, ergriffen.

Genau das erhoffe ich mir heute auch von Papst Franziskus und den Verantwortlichen der Kirche in unserem Land. Und vor allem erhoffe ich mir das auch von den Frauen selbst. Die gegenwärtige Krise könnte damit eine ganz große Chance sein. Für uns Frauen und für die ganze Kirche.

Zur Person

Sr. Philippa Rath OSB ist seit 30 Jahren Benediktinerin der Abtei St. Hildegard in Rüdesheim-Eibingen. Sie ist von Hause aus Theologin, Historikerin und Politikwissenschaftlerin und hat vor ihrem Klostereintritt in verschiedenen deutschen Medien gearbeitet. Im Kloster ist sie als Stiftungsvorstand verantwortlich für die Klosterstiftung Sankt Hildegard, für den Freundeskreis der Abtei sowie für die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit.

Sie befasst sich seit 25 Jahren mit Leben und Werk der heiligen Hildegard. In den Jahren 2011/12 war sie Postulatorin im Verfahren um die Heiligsprechung und Erhebung Hildegards von Bingen zur Kirchenlehrerin. Nach einem Zusatzstudium der Logotherapie und Existenzanalyse in Wien und Tübingen begleitet sie außerdem viele Menschen in Krisen- und Konfliktsituationen.

Quelle: kfd-bundesverband.de