Kirchen-Spinner St. Ludwig

Kirchen-Spinner St. Ludwig

Die Ludwigkirche: Sakralraum – Kraftraum – Raum für …

1952 wurde die Ludwigkirche eingeweiht. 19 Jahre später wurde sie mit dem Roten Punkt renoviert. Das ist jetzt 47 Jahre her. In dieser Zeit ist fast nichts verändert worden. Das spricht für den Raum, die Gestaltung und die Pastoraltheologie, die dahintersteht.

Jetzt überlegt eine Gruppe, was sich ändern könnte. Sie nennt sich „Kirchen-Spinner“, weil sie ohne Vorbedingungen überlegt und kreative Gedanken sammelt. Inzwischen hat die Gruppe mit dem Gemeindeausschuss (Runder Tisch), Kirchenvorstand und leitenden Pfarrer Stefan Dördelmann gesprochen. Sie alle geben grünes Licht zum offenen Weiterdenken und -spinnen.

 

Und diese Gedanken stehen jetzt schon dahinter:

  1. Der Raum ist geschaffen worden, um in erster Linie Eucharistie, Messe zu feiern: Altar, Ambo, Tabernakel, Kreuz. Viele Gottesdienste sind heute aber keine Messe mehr (Schulgottesdienste, Trauungen, usw.) und „brauchen“ den Altar und Tabernakel nicht. Kann man ein flexibleres Raumprogramm für „Kirche“ schaffen?
  2. Der Kirchenraum ist heute mehr als vor 50 Jahren ein Raum der Begegnung geworden. Hier könnte „mehr“ stattfinden als im Pfarrzentrum, vielleicht aber „weniger“ als bei der Messe. Der Sakralraum könnte ein „Kraftraum“ und Anweg für vielfältige gottesdienstliche, religiöse, kulturelle und dialogische Veranstaltungen sein. Er könnte noch einladender für Menschen auf der Suche sein (Pastoralplan 2013: „Menschen mit Gott und miteinander in Berührung zu bringen“). Dafür braucht es eine andere Ausstattung (Stühle, Beleuchtung, Akustik), die sich auf unterschiedliche Bedürfnisse einstellen kann.
  3. Die Ludwigkirche lebt auch vom „Roten Punkt“ (Rupprecht Geiger: „Das Ding“), vor 22 Jahren „durch Neuherstellung pink restauriert“. Auch die Fenster von Bodo Schramm (1971 + 1985) sind ein Dialog mit moderner Kunst. So ist die Kirche 2006 eine von 66 „Kirchenschätzen“ des Bistums Münster geworden und soll demnächst unter Denkmalschutz gestellt werden. Ist es möglich, diesen Dialog mit moderner Kunst und Welt fortzusetzen? Könnte zum Beispiel ein Lichtkünstler wie James Turrell in Dialog mit Rupprecht Geiger treten? Könnte „auf der anderen Seite“ des Roten Punktes im Eingangsbereich (Orgelbühne) etwas Neues (im Dialog mit Geiger) entstehen?
  4. Die jetzige „Kreuzkapelle“ ist nicht sehr einladend und lädt nicht zum Verweilen ein. Könnte man einen besseren Meditations- und Gebetsraum gestalten (mit Stühlen, Teppich, Wärme)?
  5. Für viele ältere Menschen ist eine Toilette in erreichbarer Nähe ein wichtiges Argument. Die fehlt uns in der Kirche. Es braucht auch Raum und Stauraum, um nach einem Gottesdienst oder einer Veranstaltung im Eingangsbereich noch einen Kaffee oder ein Glas Wasser zu trinken. Die Plakatierung entspricht zudem nicht mehr heutigen Bedürfnissen und Gewohnheiten und kann wesentlich durch andere Mittel (z. B. Bildschirme) ersetzt und einladender werden. Die Türen sollten zudem automatisch geöffnet werden können. Eine Fußbodenheizung könnte akustische und finanzielle Vorteile bringen.
  6. Die Ludwigkirche ist ein innen ausgesprochen „feiner“ und wohl proportionierter Raum. Die Bogenelemente kommen sowohl im Chorraum wie auch in den Seitengängen und -fenstern in verschiedenen Größen und Bezügen zueinander zur Geltung. Der Raum hat etwas von einer antiken Basilika, die sowohl Königs- wie auch Markthalle (Forum) sein konnte. Diese Architektur könnte man betonen: Eingang durch die Seitentüren und -gänge. Freilegung der Seitengänge (Beichtstühle, Entrümpelung). Entfernung der herunterhängenden Beleuchtung (für die es zudem keinen Ersatz und keine Leuchtmittel mehr gibt).
  7. Die Groner Allee, eine der schönsten Straßen in Ibbenbüren, geradewegs vom Stadtzentrum bis zum Hermannsweg von vielen Touristen besucht und befahren, ist gerade neugestaltet worden. Zum Kirchplatz gibt es nun keine Abgrenzung mehr. Das erfordert ein neues Parkkonzept. Zudem sollte die Kirche über die Kirchplatzgestaltung einladend für Auswärtige sein und zum Verweilen einladen. Darum brauchen wir ein neues Kirchplatzkonzept, das offen ist für neue Begrünung, Möglichkeiten der Begegnung und des Feierns (Pfarrfest) und insbesondere Menschen mit Beeinträchtigungen berücksichtigt. Die Gestaltung des Kirchplatzes muss bei der Gestaltung des Innenraumes der Kirche berücksichtigt und zu einer Einheit werden.

Diese Überlegungen, die sich im Dezember 2017 zu konkretisieren angefangen haben, kreuzen sich zeitlich mit der Ankündigung von Bischof Genn (11.7.2018), die zehn Gemeinden in Ibbenbüren und Brochterbeck am 22. September 2019 zu einer neuen Pfarrei zusammenzuschließen. Sie sind keine Reaktion darauf und verstehen sich auch nicht im Sinne einer Konkurrenz zu den anderen Kirchen, die jeweils ihr eigenes Gepräge haben. Sie betreffen im Wesentlichen Punkte, die in den anderen Kirchen nicht so ohne weiteres wünschenswert oder zu realisieren wären. Insofern möchten wir auch unter diesem Gesichtspunkt im Dialog mit den anderen Gemeinden bleiben und Verantwortung für das Ganze anbieten. Unser weiteres Vorgehen wird darum immer transparent und einladend bleiben.

Wir als „Kirchen-Spinner“ verstehen unsere konkreten Überlegungen der Raum-Gestaltung im Sinne des „Kulturwandels“ im Bistum Münster (2018) als „geistliches Geschehen und unmittelbarer Ausdruck der Nachfolge Jesu“, um eine neue „Beziehungskultur“ in unserer Gemeinde zu fördern („weckt Interesse, neue Orte der Begegnung, Kirche [Gottesdienst] nicht als abgrenzend und ausgrenzend erfahrbar, sondern als beziehungsstiftend und beziehungsfördernd“)

Experimente in der Seelsorge sind nicht für sich selbst da, sondern dienen dem Leben der Menschen in der Perspektive des Evangeliums. Leitend sind das Interesse am Menschen und die Orientierung an seinen Lebensfragen und -themen sowie auch den ästhetischen und kulturellen Ausdrucksformen. Dahinter steht die pastorale Herausforderung der Gastfreundschaft, die einlädt und die Freiheit lässt, dass Menschen kommen und gehen können. Ziel ist es, neue Wege zu entdecken, auf denen Menschen von der Botschaft Jesu erfahren können und hiervon angesteckt werden. Für all das braucht es Mut und Vertrauen, Fehlerfreundlichkeit und Ressourcen.
aus: Kulturwandel im Bistum Münster. Die katholische Kirche im Bistum Münster als Kirche, die Beziehung stiftet. Seite 15

Bernhard Nadicksbernd, Wolfgang Wiggers, Reinhild Zumdick, Martin Kölker, Christoph Achterkamp (Architekt), Martin Weber (Pastor), 2. August 2018

aus: Denkmalpflege in Westfalen-Lippe. 125 Jahre Denkmalpflege in Westfalen. LWL Heft 2/17, Seite 38

IVZ_2018_09_14_Denkmalschutz

IVZ_2018_09_14_Kirchenspinner