Kommentare zur Sonntagsliturgie im März

Kommentare zur Sonntagsliturgie im März

Im März 2015 durfte ich auf Seite 2 der Kirchenzeitung für das Bistum Münster „Kirche und Leben“ die Lesungstexte des jeweiligen Sonntags kommentieren. Dafür standen mir 5.400 Zeichen zur Verfügung. Im Folgenden sind die Kommentare wiedergegeben.

Martin Weber


 

Die jeweils komplette Seite 2 aus „Kirche und Leben“ im März 2015:

KuL 29. März 2015, Palmsonntag B

KuL 22. März 2015, 5. Fastensonntag B

KuL 15. März 2015, 4. Fastensonntag B

KuL 8. März 2015, 3. Fastensonntag B

KuL 1. März 2015, 2. Fastensonntag B


 

Kirche+Leben 29. März 2015 | Nr. 13 – Palmsonntag Lesejahr B   –   Die Lesungstexte

In vielen Gottesdiensten ist der Einzug Christi in Jerusalem zu einer harmlosen (Kinder-) Folklore degradiert. Seine Provokation enthüllt er, wenn man ihn mit heutigen anstößigen oder ermutigenden Provokationen vergleicht. Erinnern Sie sich an den Einzug des mächtigsten Mannes unserer Kirche vor zwei Jahren in sein Amt: Papst Franziskus mit einfachem Gewand und Kreuz (Buschzweige) und am liebsten in einem Renault 4 (Esel) statt in einem dicken Mercedes oder Audi (Pferd), oft knallhart auch mit seinen diesbezüglichen Forderungen besonders an die Priester. So höre er bisweilen, sagte er vor dem römischen Klerus: „‚Das ist aber ein Schmetterling-Priester‘, weil er immer in den Eitelkeiten herumflattert… So einer hat keine Beziehung mit Jesus Christus!“. Und seine Botschaft jetzt: Am 8. Dezember beginnt ein außerordentliches Heiliges Jahr der Vergebung und der Barmherzigkeit. Man darf gespannt darauf sein, wie kreativ und menschennah der Papst dieses Jahr füllen wird! Hier wird ein für manchen schmerzhafter und unbequemer Paradigmenwechsel (Wandel) eingeläutet auf der Grundlage der jesuanischen Provokationen. Lesen Sie auf diesem Hintergrund noch einmal links das uralte vorpaulinische (!) Christuslied aus dem Philipper-Brief, ein Glaubens- und Hoffnungsbekenntnis der ersten Christen.

Auch der Jesaja-Text, der dritte von vier Gottesknecht-Liedern, ist eine entsprechend fundamentale Umdeutung, die von den frühen Christen der Lukas-Gemeinde auf Jesus bezogen wurde. Sie verfuhren, wie es Augustinus Ende des vierten Jahrhunderts einmal griffig formulierte, nach dem Motto: „Das Neue Testament liegt im Alten verborgen, das Alte wird im Neuen offenbar.“ Martin Luther schrieb später symptomatisch für die Christen: „Es ist wunderbar genug, dass Jesaja so viel Erleuchtung gehabt hat, dass er so beredt und zutreffend die Geheimnisse von Jesus malen konnte“, und machte damit in seiner Auslegung der Gottesknechtlieder die Juden als Gegner Jesu aus. Die Rabbinen deuteten die Lieder – auch in bewusster Abgrenzung zu den Christen und nach den ersten Verfolgungen – in der Regel kollektiv, das heißt auf das Schicksal des (idealen) Volkes Israel hin (wie es Jesaja gemeint hatte): Nicht der Tod Christi, sondern die Leiden Israels werden die Welt retten, indem Israel für die Sünden (der Kirche) sühnt. Der Text wurde wegen der anderen und prägenden christlichen Deutung aus den Lesungen im Synagogengottesdienst herausgenommen.

So sind die Gottesknechtlieder immer auch als politische Texte der Abgrenzung und letztlich auch der Begründung für Verfolgung instrumentalisiert worden – bis zur Judenermordung. Der evangelische Pfarrer Ulrich Schwemer stellte darum bereits vor 35 Jahren im christlich-jüdischen Dialog die Frage: „Für uns erhebt sich die Frage, ob wir heute nach dem Holocaust noch genauso nur und ausschließlich den Gottesknecht erkennen dürfen. Nämlich in Jesus, oder ob wir akzeptieren müssen, dass wir Christen, die wir ja in unserer Tradition gern die Juden mit der Schuld am Leiden Jesu belasten, selber schuldig geworden sind am Knecht Gottes, der in den Konzentrationslagern umgebracht worden ist. Es ist also die Frage, ob wir Jesaja 52/53 nach Auschwitz anders auslegen müssen, ob wir vom Gottesknecht anders reden müssen“. Und Papst Johannes XXIII. betete kurz vor seinem Tod in Anlehnung an die Gottesknechtlieder: „Wir erkennen heute, dass viele Jahrhunderte der Blindheit unsere Augen verhüllt haben, so dass wir die Schönheit Deines auserwählten Volkes nicht mehr sehen und in seinem Gesicht nicht mehr die Züge unseres erstgeborenen Bruders wiedererkennen. Wir erkennen, dass ein Kainsmal auf unserer Stirn steht. Im Laufe der Jahrhunderte hat unser Bruder Abel in dem Blute gelegen, das wir vergossen, und er hat Tränen geweint, die wir verursacht haben, weil wir Deine Liebe vergaßen. Vergib uns den Fluch, den wir zu Unrecht an den Namen der Juden hefteten. Vergib uns, dass wir Dich in ihrem Fleische zum zweiten Mal ans Kreuz schlugen“.

Damit stellt uns auch der Umgang mit der Passionsgeschichte, die wir am Palmsonntag das erste Mal hören, in eine große Verantwortung. So kann man zum Beispiel beim Vorlesen in der Regel das Wort „Juden“ durch das Wort „Menschen“ ersetzen, ohne die heilsgeschichtliche Bedeutung der Texte zu verändern. Damit kann man einen möglichen antisemitischen Zungenschlag von vornherein herausnehmen.

Die Passionsgeschichten (Leiden, Tod und Auferstehung Jesu) sind sozusagen Messers Schneide des Christentums: auf dieser Basis ruht alles! Sie sind deutende Glaubenszeugnisse für die dritte Generation der Christen und immer von hinten durch die Brille der Auferstehung gesehen. Während wir am Palmsonntag aus der Markus-Passion hören, wird am Karfreitag (immer) die Johannes-Passion vorgetragen. Der Palmsonntag als Tor zur Karwoche öffnet den Blick auf einen menschennahen, teilenden und mitleidenden Gott.

Das „heilige Spiel“, das in der Karwoche miterlebt werden kann, funktioniert leider nur, wenn die einzelnen Teile (Gründonnerstag, Karfreitag, Osternacht) sich tatsächlich im Mitfeiern ergänzen können. Wenn ein Tag mit seinen Texten und Ansinnen herausfällt, fehlen entscheidende Zusammenhänge. Deshalb zum Schluss mein Tipp: Wenn Sie an der Liturgie des Gründonnerstag oder/und Karfreitag nicht teilnehmen können, holen Sie doch die verpassten Texte und Gedanken nach, indem Sie zum Beispiel das 14. und 15. Kapitel des Markusevangeliums lesen.


 

Kirche+Leben 22. März 2015 | Nr. 12 – 5. Fastensonntag Lesejahr B   –   Die Lesungstexte

Die Väter der Leseordnung muten uns so kurz vor der Karwoche noch einmal eine Menge Theologie zu. Sie folgen damit dem Evangelisten Johannes: unser Text ist die letzte öffentliche Rede Jesu, danach richtet er sich vornehmlich an den inneren Kreis. Wenn Sie sich also nicht zu den „Ausländern“ (Griechen) gehörig fühlen, bleiben Sie jetzt dran!

Die Auswahl einer passenden alttestamentlichen Lesung ist diesmal gut gelungen. Der Jeremia-Text entstand während der Verbannung. Die beiden politischen Teile des Volkes Israel (das Nordreich Israel und das Südreich Juda) sind quasi im Exil wieder vereint. Und der große Prophet Jeremia macht ihnen Hoffnung. Dieser Teil des Buches wird bisweilen auch als „Trostbüchlein“ beschrieben: es wird einen neuen Exodus (eine neue Befreiung) und einen neuen Bund geben. Das Neue am Bund ist dabei nicht der Inhalt, sondern sein Platz: nicht mehr außen auf Stein gemeißelt oder als Regenbogen in den Himmel gesetzt, sondern innen auf das Herz geschrieben. Wobei damals nicht Gefühl gemeint ist, sondern Vernunft und Wille. In dieser mystischen Gottesbegegnung geschehen Sündenvergebung und Neuanfang. Mir fällt dazu der mittelalterliche Lyriker Angelus Silesius ein: „Halt an, wo läufst du hin, der Himmel ist in dir“. Wer im Licht ist, muss nicht gegen die Dunkelheit kämpfen. Vielleicht ist das der schönste und griffigste Text heute: die Zusage der Gotteserkenntnis! Es ist zugleich auch ein brisanter Text. In der Zeit des Exils gibt es keine hierarchischen Strukturen mehr. Der neue Bund funktioniert trotzdem: „Wer die Weisung Gottes im Herzen hat, der erkennt ganz unmittelbar Gott. Das Lehramt ist in dieser Zeit des neuen Bundes überflüssig!“ (Eleonore Reuter).

Paulus vergleicht Christus im Hebräerbrief mit dem Hohepriester Aaron „nach der Ordnung Melchisedechs“. Aaron ist der ältere Bruder des Mose und Musterbeispiel für das Priestertum. Wichtig schon im Judentum: er hat sich die Priesterwürde nicht selbst gegeben, sondern ist über Mose von Gott dazu beauftragt. Paulus folgert nun: so dient auch der von Gott berufene Christus den Menschen als Mensch. Für seine Urgemeinde ist Christus der Träger des kontinuierlichen königlichen Priestertums seit Urzeiten. Und eine der Grund-Qualifikationen für diese Berufung ist seine Menschlichkeit und Schwachheit! Diese „Erziehung durch Leiden“ ist für uns schwer verständlich. Es geht, so der Theologe Ernst Käsemann, um eine „Entscheidung zwischen Hoffnung und Abfall“, letztlich um eine Glaubens-Entscheidung. Wie Aaron Opfer gebracht hat zur Vergebung der Sünden, so hat Christus Gebetsopfer dargebracht und ist durch seine gesamte Lebenshingabe erhört worden. Was im ganzen neuen Testament einmalig ist: Christus lernt! Damit wird er im Todesleiden auf eine Stufe mit denen gestellt, die sich in der Tiefe der Gottverlassenheit wähnen – um von ihm lernend mitgenommen zu werden.

Ob die Hebräer das verstanden haben? Es geht um einen „sym-pathischen“ Christus, um einen, der Mit-Leid mit den Menschen hat, der mit ihnen verbunden ist. Leid und Tod können wir nicht sinnvoll erklären; aber der Gottessohn geht diesen Weg solidarisch mit und zieht uns der Erlösung entgegen. Überall, wo Menschen heute Sympathie mit leidenden Menschen zeigen, befinden sie sich in der Tradition dieses Christus und tragen zu Recht seinen Namen. Für viele wird in knapp zwei Wochen der Karfreitag die ergreifendste Christus-Begegnung sein, weil sie spüren: Ja, diese Verlassenheit in Leid und Tod kenne auch ich. Und ja, auch ich möchte so glauben wie Jesus. Kann er mir doch die Hand geben und mich mitnehmen!?

Lesen Sie noch mit? Dann schaffen wir auch noch den Johannes! Die Bibelausleger sprechen bisweilen von der „bekannten johanneischen Brüchigkeit“, das heißt sie kapitulieren manchmal davor, immer sofort einen thematischen Zusammenhang zu sehen. In der Regel schafft es Johannes aber am Schluss zu einer stimmigen Gesamtsicht. Heute hilft uns vielleicht das Stichwort „Sympathie“. Die Griechen (Heiden!) ergreifen die Initiative und wollen Jesus sehen. Sie werden ihn letztlich auch am Kreuz sehen. Diese Nachfolge/Sympathie (bis in Leid und Tod) ist für Jesus ein Dienen gegenüber dem unbegreiflichen Gott. Christliche Theologien, so schreibt der Kölner Theologe Hans-Joachim Höhn, sind keine Weltentstehungs- oder Welterklärungstheorien; es sind Weltakzeptanztheorien. Die Gottsuchenden begeben sich aus eigener Sehnsucht und Initiative in das anziehende „Licht“ (16 Mal gebraucht der Evangelist dieses Bild) der Gegenwart Gottes, sie unterstellen sich ihm. In diesem Licht ist Gotteserkenntnis, Verherrlichung, Erlösung – und „automatische“ Entfernung zur Finsternis, zum Gericht, zum Teufel, zur Sünde. Aber diese direkte mystische Erfahrung (siehe auch unsere Jeremia-Lesung) ist schon etwas für Insider, andere hören nur Donner und Engel.

Für viele regelmäßige Gottesdienstbesucher ist der 5. Fastensonntag auch der MISEREOR-Sonntag. Seit 1959 unterstützt das Hilfswerk die Ärmsten der Armen in aller Welt. Neben der „Hilfe zur Selbsthilfe“ wurde immer auch Wert auf Öffentlichkeitsarbeit gelegt. In vielen Gemeinden gibt es seither Eine-Welt-Gruppen, die etwas verändern wollen, zum Beispiel heute durch ein Fasten-Essen. Das ist christliche Sympathie im Sinne des Johannes-Evangeliums: wenn sich Menschen wie Jesus gerade im Leid solidarisieren und Auswege suchen.


 

Kirche+Leben 15. März 2015 | Nr. 11 – 4. Fastensonntag Lesejahr B   –   Die Lesungstexte

Auf unser Evangelium wollte die nachkonziliare Kommission vor 45 Jahren in keinem Lesejahr verzichten. Es kommt jeweils zu markanten Zeiten vor: am Dreifaltigkeitssonntag im Lesejahr A und am Pfingstmontag im Lesejahr C. Und auch im profanen Alltag können Sie sich ihm nicht entziehen: immer wenn Sie zurzeit Ihren Medikamentenvorrat gegen Erkältung und Grippe auffrischen, taucht es an den Apotheken auf: der von einer Schlange umwobene Äskulapstab ist zum Symbol des pharmazeutischen Standes geworden. Die biblische Geschichte dazu können Sie im Buch Numeri im Kapitel 21 nachlesen.

Das Gespräch Jesu mit Nikodemus markiert jetzt am 4. Fastensonntag im Lesejahr B die Mitte der Fastenzeit, nach dem Eröffnungsvers der Messe auch „Laetare“ genannt: „Freue dich, Stadt Jerusalem!“ (Jes 66,10). Der fröhliche Charakter der Liturgie (die Hälfte ist geschafft!) wird gerne auch durch das Aufhellen der liturgischen Kleidung vom Violett zum Rosa betont.

Die nächtliche Diskussion mit dem gläubigen Pharisäer Nikodemus ist legendär. Der „führende Mann unter den Juden“ wird von Jesus in die spirituelle Dimension christlichen Glaubens eingeführt: irdische Dinge verweisen auf himmlische Dinge, die Moses-Schlange wird zum Jesus-Kreuz, die Taufe mit Wasser wird zur Geburt aus dem Geist. Der Glaube an den Menschensohn ist die geistige Wiedergeburt, die zur neuen Sicht auf das Reich Gottes führt. Ein Kapitel weiter wird Jesus der samaritischen Frau in Sychar am Jakobsbrunnen das Bild vom lebendigen Wasser anbieten, das ewiges Leben schenkt.

Und wie reagiert Nikodemus? Er salbt schließlich den Leichnam Jesu und fertigt einer mittelalterlichen Legende nach die erste Darstellung des Gekreuzigten aus Holz. Immer wieder führt die mystische Neugeburt zu einer handfesten Begegnung mit Leid und Tod – als neuen Ausgangspunkt für Leben und Erlösung. In der Ludwigkirche in Ibbenbüren steht ein großes Kreuz aus Glas im Chorraum; auch in vielen anderen Kirchen gibt es durchbrochene oder teiltransparente Kreuze: durch Leid und Tod hindurch schaut der geistig Wiedergeborene auf das, was dahinter ist. Und das Leben danach wirft jetzt schon sein Licht durch das Kreuz in unser Leben hinein.

„Das Licht kam in die Welt“ – und es gibt Menschen, die sich freuen, in dieses Licht zu treten! Die 90-Jährige zum Beispiel, die sich für ihre letzten Tage das alte Sterbekreuz der Familie in die Hand geben lässt; Jesus wird sie auf ihrem Weg begleiten. Oder der 23-jährige Firmkatechet, der sich vor über 70 Firmanden hinstellt und betet. Die Caritas-Sammlerinnen, die sich Cent für Cent für mehr Gerechtigkeit einsetzen. Der Arbeitskreis Flüchtlinge, der um Wohnungen für Asylsuchende bemüht ist. Die junge Mutter, die staunend neben ihrem Kind sitzt und ihm vorsingt. Der alte Witwer, der liebevoll mit seinem Dackel spazieren geht. Die Frauen, die für das Fastenessen am nächsten MISEREOR-Sonntag einkaufen.

Sie alle tun das mit einem tiefen Gespür (nicht immer oberflächlich!) für das Eingewobensein in das Reich Gottes und werden so zu seinen Zeugen (im griechischen Text kommt in diesem Zusammenhang das Wort Sendung = Apostel vor). „Nicht aus eigener Kraft“, sagt Paulus, nicht um sich damit den Himmel gleichsam zu verdienen, sondern um mitzuwirken an der Gnade, die uns Gott geschenkt hat. Wir haben die Freiheit, in das Licht hinein zu gehen und darin Leben zu gestalten. In diesem Licht können wir Licht der Welt sein. Ein schönes Bild, denn es bedeutet auch, dass uns trotz unserer menschlichen Begrenztheiten der Akku für das Licht nie ausgehen wird. Wer jetzt noch über Gericht, Fegefeuer und Hölle nachdenken will, möge das tun; Gott denkt nicht an Gericht, sagt Johannes, sondern an Rettung und ewiges Leben. Und wer weiß, ob jemand sein Leben lang überhaupt so weit laufen könnte, dass er aus diesem erlösenden Lichtkegel Gottes tatsächlich heraus wäre. Paulus glaubte jedenfalls daran, dass unsere Plätze im Himmel schon reserviert sind!

Ein Wort noch zu Kyrus aus der alttestamentlichen Chronik-Lesung, die heute so ausführlich zitiert wird. Der babylonische König Nebukadnezzar II. soll 587 vor Christus Jerusalem zerstört und die Überlebenden in die Verbannung nach Babel geführt haben. Der persische König Kyros II. soll 538 die Stadt erobert und in der Folge den Aufbau des neuen Tempels und die Rückkehr der Verbannten unterstützt haben (das so genannte Kyros-Edikt). Die Vereinten Nationen beschrieben dieses Edikt 1971 wegen seines Toleranzgedankens als „erste Charta der Menschenrechte“. Historisch ist das alles sehr windig, seine Interpretation früher wie heute immer politisch motiviert. Theologisch war die Zerstörung des Tempels Gottes Strafgericht über das untreue Volk, die Verbannung eine Zeit der Buße. Nach diesem Schnitt sollten die Heimkehrer wieder das legitime Erbe des Volkes Israel weiterführen können. Auch das ist historisch zweifelhaft.

Wichtig scheint mir aber zweierlei zu sein: Glaube und Religion sind nicht nur abstrakt und Gedankenwelt, sondern prägen sich in Menschen, Orte und Historie ein. Der ehemalige Benediktiner der Dormitio-Abtei in Jerusalem hat einmal von „Glaube ist Topographie“ gesprochen. Kurz: Die Bergpredigt kann man nur ganz verstehen, wenn man den „Berg“ auch mal in eigenem Schweiß erstiegen hat. Und Gott bedient sich auch der Ungläubigen, Fernstehenden, Atheisten, Zweifelnden, Suchenden, Widersacher, um seine Heilsgeschichte zu schreiben. Das kann etwas aufmerksamer und demütiger machen.


 

Kirche+Leben 8. März 2015 | Nr. 10 – 3. Fastensonntag Lesejahr B   –   Die Lesungstexte

Ich muss dringend mal wieder zum Optiker. Inzwischen bin ich etwas kurz- und weitsichtig. Das hat Vor- und Nachteile. Ein Vorteil ist vielleicht, dass ich die Leute in der letzten Kirchenbank nicht mehr richtig erkennen kann. Ein Nachteil ist sicherlich, dass ich Kleingedrucktes nicht mehr lesen kann. Aus den Augen, aus dem Sinn: die Letzten und das Nächste fallen mir dabei aus der Wahrnehmung. Ich brauche für beides eine (neue) Brille!

Die biblischen Schreiber haben sich und uns eine Brille aufgesetzt, um das Leben zu deuten. So stellt sich Gott in den „10 Geboten“ (Dekalog) als der vor, „der dich aus Ägypten geführt hat, aus dem Sklavenhaus“. Das ist die Grundlage: Gott ist der, der befreit hat! Es hätte auch ein anderes wesentliches Erkennungszeichen sein können, z. B. Gott, der die Welt erschaffen hat oder Gott, der einen Bund mit seinem Volk geschlossen hat. Aber an erster Stelle, vor allem steht: Gott hat dich befreit! Darum kannst du dich nun auch an die folgenden Gebote halten…

Johannes setzt uns mit seinem Evangelium auch eine Brille auf. Bei den anderen drei Evangelisten kommt die „Tempelreinigung“ viel später erst zu Beginn der Leidensgeschichte Jesu vor. Der jüngste Evangelist setzt sie stattdessen an den Beginn des öffentlichen Wirkens Jesu, zusammen mit der Hochzeit zu Kana. Seine Frohe Botschaft vom beginnenden Reich Gottes steht ganz unter dem Eindruck von Leiden, Tod und Auferstehung Jesu: „Als er von den Toten auferstanden war, erinnerten sich seine Jünger, … und sie glaubten der Schrift und dem Wort, das Jesus gesprochen hatte“. Der Gekreuzigte (!), sagt Paulus, ist „Gottes Kraft und Gottes Weisheit“.

Solche Deutungs-Brillen können durch den Dschungel der Themen und Meinungen helfen. Sie geben Prioritäten, Optionen vor. Im ersten Testament vor allen Geboten die Exodus-Erfahrung: der Sklave wird in die Freiheit der Kinder Gottes geführt. Hier wird kein geistiger Vorgang beschrieben, sondern ein politischer. Was Menschen unterdrückt und an Leib (und Seele) knechtet, muss mit dem Widerstand Gottes rechnen. Im Oktober letzten Jahres sprach Papst Franziskus vor den Teilnehmern am Welttreffen der Sozialen Bewegungen: „Ihr steht mit euren Füßen auf dem Erdboden und berührt mit euren Händen Fleisch und Blut. Ihr riecht nach Elendsviertel, nach kleinen Leuten, nach Einsatz! Wir wollen, dass eure Stimme gehört werde.“ Und er verweist auf die Bergpredigt, die Auslegung der Tora und des Dekaloges durch Jesus. Hier verknüpft Jesus Politik mit Mystik, der Verbindung mit dem lebendigen Gott. Der Theologe Paul Zulehner hat während der Diözesansynode in Rottenburg-Stuttgart 1985/86 die Formel geprägt „Je mystischer, desto politischer“: „Die Begegnung mit Gott führt zur Begegnung mit den Opfern einer ungerechten Verteilung der Lebenschancen“. Für Jesus ist diese mystische Einheit wichtig. Wenn er von Gott redet, sorgt er sich auch darum, dass die Menschen keinen Hunger haben. Und wenn er heilt, denkt er auch an Sündenvergebung.

Diese Einheit des Denkens und Lebens wird umso deutlicher, wenn wir uns die Brille des Johannes aufsetzen. Weil Jesus bis zum Tod solidarisch mit den Menschen ist und weil er auferstanden ist, ist das nun zu erzählende Leben relevant und von Gott beglaubigt. Die Verknüpfung der Passionsgeschichte mit dem mystischen Errichten eines neuen Tempels (des Leibes) erinnert auch daran, dass der Opferkult abgelöst ist. Zur Zeit der johanneischen Gemeinde ist der Tempel schon lange von den Römern zerstört. Stattdessen feiern die Christen das „Mess-Opfer“ als Gedächtnisfeier des Todes und der Auferstehung Jesu.

Eine Brille ist eine Deutung von Wirklichkeiten. Sie birgt mit ihrer Verschärfung auch immer die Gefahr einer Verengung. Der aus Rheine gebürtige Freiburger Professor für Fundamentaltheologie Magnus Striet hat jüngst noch einmal daran erinnert, dass zum Kreuzes-Opfer Jesu und damit zur Erlösung auch die Menschwerdung und damit das Offenbarwerden Gottes in seiner Schöpfung gehört: „Da sich Gott als der offenbar gemacht hat, der ein unbedingtes Ja für den Menschen hat, wird er den Tod nicht das letzte Wort über den Menschen sein lassen.“ Damit ist das Evangelium eben nicht nur eine „Passionsgeschichte mit ausführlicher Einleitung“ (Martin Kähler), sondern eine durch die Brille der Passion Betrachtung des Reiches Gottes, wie es jetzt bereits möglich ist.

Dennoch ist gerade das Ärgernis, die Torheit, das Schwache (Paulus) des Gekreuzigten für viele Menschen – auch für mich – ein tiefer Trost in der Unbegreiflichkeit von Leid und Tod. Von meinem Namenspatron, dem heiligen Martin von Tour, ist dazu folgende Legende überliefert: Einmal wollte sich der Teufel dem heiligen Martin als Halt anbieten. Er erschien ihm als König in majestätischer Pracht. Er sagte: „Martin, ich danke dir für deine Treue! Du sollst erfahren, dass auch ich dir treu bin. Du sollst jetzt immer meine Nähe spüren. Du kannst dich an mir festhalten.“ Sankt Martin fragte: „Wer bist du denn eigentlich?“ „Ich bin Jesus, der Christus“, antwortete der Teufel. „Wo sind denn deine Wunden?“ fragte Martin zurück. „Ich komme aus der Herrlichkeit des Himmels“, sagte der Teufel, „da gibt es keine Wunden.“ Darauf Sankt Martin: „Den Christus, der keine Wunden hat, den mag ich nicht sehen. An dem Christus, der nicht das Zeichen des Kreuzes trägt, kann ich mich nicht festhalten.“


 

Kirche+Leben 1. März 2015 | Nr. 9 – 2. Fastensonntag Lesejahr B   –   Die Lesungstexte

Der Exeget: Die „Bindung Isaaks“ war für die ersten Christen ein Schlüssel zum Verständnis des Kreuzesopfers Christi. Abraham gehorcht Gott und bindet seinen Sohn zur Opferung; Jesus gehorcht Gott und wird so zum „Lamm Gottes, das die Sünde der Welt hinwegnimmt“. Der unbedingte Glaubens-Gehorsam Abrahams führt letztlich zum Leben aus Gott. Abraham wird die Opferstätte „Jahwe-Jire“ nennen, das heißt „der Herr sieht“: jeder Einzelne hat seinen Lebens-Wert vor Gottes Angesicht.

Sara: Unglaublich! So habe ich meinen Sohn vor vielen Jahren genannt (so Isaak übersetzt), als ich Gott nicht glauben wollte, dass ich schwanger werde. Unglaublich! – habe ich die beiden jetzt angeschrien. Keiner tötet meinen Sohn wegen irgendeines Glaubens! Ihr glaubt doch nicht im Ernst, dass Gott meinen Sohn töten will! Was du gehört hast, Abraham, war Menschenwort, nicht Gottes Wort. Und du Isaak, werde endlich erwachsen und lege diesen Kadaver-Gehorsam ab! Ihr beide bringt mich noch ins Grab! (Nach dieser Episode stirbt Sara und wird in Hebron begraben).

Paulus: Das entscheidende ist doch, dass Gott uns in Wirklichkeit unbedingt liebt. Diese Liebe dürfen wir genießen und weitergeben. Jesus hat das ein Leben lang getan – selbst noch im Tod. Das nenne ich Gnade und Erlösung. Lebenslange Hingabe in Liebe hält uns unscheidbar in der Liebe Christi und Gottes. Das ist eine Grund-Einstellung, keine Leistung.

Markus: Ich habe mich sofort an den Bund Gottes mit Mose erinnert (Exodus 24/33/34). Es ist genauso wie damals – aber mit Jesus hat auch etwas Neues begonnen. Jesus ist der neue Mose! Gott ist bei ihm. Er ist der geliebte Sohn Gottes. Aber anders als Mose, der Steintafeln vom Berg mitnahm, hat Jesus seinen Jüngern die Frohe Botschaft mitgegeben: ihr werdet auferstehen und leben! So ergibt alles seinen Sinn.

Der Zeitungsleser: Schon wieder ein Mensch im Namen Gottes geköpft! Überall auf der Welt glauben irgendwelche Menschen, im Namen ihres Gottes andere töten, unterdrücken oder sich besser stellen zu können. Es wird Zeit, dass die Texte, auf die sie sich berufen, gelöscht oder geändert werden. Der Koran muss umgeschrieben werden. Und auch die Bibel. Fundamentalisten und Verbrecher dürfen sich nicht mit heiligen Texten entschuldigen können.

Der Prediger im März 2015: Erst letztens sind wieder Christen barbarisch angeblich im Namen Gottes geschlachtet worden. In manchem kocht eine animalische Wut zur Vergeltung auf. Die Genesis-Lesung verlangt darum heute eine ausdrückliche Deutung und Klarstellung: Gott ruft nicht zum Töten auf! Auch nicht als Test, um jemanden auf die Probe zu stellen! In diesem Bild, das zu archaischen Zeiten einen anderen Zusammenhang hatte, hat sich Abraham heute verhört. Wer sich heute in unserer Gesellschaft so wie Abraham verhalten würde, würde bestraft oder psychiatrisch behandelt. Wahrer Glaube besteht nicht in einem Kadaver-Gehorsam und losgelöst von geschichtlichen, wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Entwicklungen und Erkenntnissen.

Das Evangelium gibt einige Hinweise, wie es auch anders gehen kann. Die Verklärung Jesu auf dem Berg führt in eine mystische Gottesbegegnung: Verwandlung, strahlend weiße Kleider, Wolke und Schatten, Erscheinungen, Stimme, Geheimnis. Die Stimme Gottes verweist auf den lebendigen Sohn, mit dem man reden kann. Den alten Autoritäten werden keine Hütten in Gipfel-Ferne gebaut, vor denen man sich ehrfürchtig niederlegt; statt dessen geht es – diskutierend – in die konkrete Jesus-Nachfolge hinunter in den Alltag des Lebens-Tales. Das Wort „Gehorsam“ kommt übrigens bei Jesus nicht ein einziges Mal vor. Umso mehr das Wort „Glaube“, das fast immer Anlass für einen barmherzigen und achtsamen Dialog ist. So äußert sich Gottes Wort in der konkreten, lebendigen, lebensnahen und lebensfördernden Hingabe Jesu. Sara würde sich über diesen Mann freuen!

Markus fügt diese Geschichte nach der ersten von drei Ankündigungen Jesu zu Leid, Tod und Auferstehung ein. So einen Messias-Gott konnten sich die Menschen damals nicht vorstellen. Auch heute ist das für viele – insbesondere Muslime und Juden – Gotteslästerung. Für Paulus und die ersten Christen war das eine ungeheuerliche mystische Gotteserfahrung: Für uns alle – mit ihm alles! Nie ist Gott den Leidenden, Gequälten, Sterbenden, Getöteten näher gewesen. Nicht deutlicher hätte der Schrei Gottes gegen Unrecht, Gewalt und Tod sein können. „Was ihr für einen dieser Geringsten nicht getan habt, das habt ihr auch mir nicht getan! (Mt 25,45)

Damit sind uns Prioritäten oder Optionen im Geist des Weges Jesu aufgegeben. So wie der Papst letztens noch den neuen Kardinälen zurief: „Das ist die Logik Jesu, das ist der Weg der Kirche: nicht nur jene, die an unsere Tür klopfen, mit dem Mut, der dem Evangelium entspricht, aufnehmen und eingliedern, sondern sich aufmachen und ohne Vorurteile und Angst die Fernstehenden suchen und ihnen gegenleistungsfrei das offenbaren, was wir selber gegenleistungsfrei empfangen haben. … Die rückhaltlose Verfügbarkeit im Dienst an den anderen ist unser Erkennungszeichen“.

Jetzt können Sie überlegen: Spende ich für Misereor? Gehe ich in den Arbeitskreis Flüchtlinge meiner Gemeinde? Besuche ich die muslimische Moschee? Mache ich mit im Hospizverein? Zünde ich eine Kerze für die verfolgten Christen an? Schreibe ich für „Amnesty International“? Erhebe ich mein Wort gegen Stammtischparolen? …