Prof. Cesare Marcheselli-Casale gibt Abschiedsvorlesung in Neapel

Prof. Cesare Marcheselli-Casale gibt Abschiedsvorlesung in Neapel

Am Donnerstag, 15. Oktober 2015, hat Prof. Cesare Marcheselli-Casale seine letzte (offizielle) Abschiedsvorlesung in Neapel gegeben. Das Thema: „Jesus, Paulus und die Synoptiker: Ein Dialog?“

Die Aula Magna mit 500 Plätzen war fast voll besetzt. Aus vielen Regionen Italiens waren seine Kollegen und ehemaligen Schüler gekommen um sich in diesem Festakt von ihm zu verabschieden. Von der Universität wurde ihm eine Medaille überreicht. Der Kardinal von Neapel Crescenzio Sepe dankte Cesare Marcheselli-Casale für seine umfangreichen Arbeit in der Ausbildung der Priester, Doktoranten und Professoren. Auch wenn er seit längerer Zeit seinen Lebensmittelpunkt in Deutschland habe, hoffe er weiterhin in vielen Bereichen auf seinen Rat, der bis nach Rom im Vatikan von großer Bedeutung  sei.

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Der 74-jährige Italiener mit deutschem Pass ist gebürtig aus Venedig und Priester der päpstlichen Prälatur Pompeji. Seit über 40 Jahren ist er Professor für neutestamentliche Exegese (Bibelauslegung) an der Päpstlichen Universität von Neapel und Paulus-Fachmann. Zur Erlernung der deutschen Sprache kam er Anfang der 70er Jahre zunächst nach Laggenbeck, dann auch zur Vertretung nach St. Mauritius und in Heilig Kreuz. Seit 20 Jahren hat er eine Wohnung in Ibbenbüren und dort seinen Lebensmittelpunkt. Erst vor einer Woche hatte ihn eine 32-köpfige Reisegruppe aus Ibbenbüren besucht.

Abschied Uni Cesare

Kardinal Crescenzio Sepe hatte als Großkanzler der Theologischen Fakultät (PONTIFICIA FACOLTÀ TEOLOGICA DELL’ITALIA MERIDIONALE, Sezione S. Tommaso d‘ Aquino) zur „Lectio magistralis“ eingeladen. Bereits im Jahre 2012 war (etwas verspätet zu seinem 70. Geburtstag) eine 452 Seiten starke Festschrift für Cesare Marcheselli-Casale veröffentlicht worden: «LA PAROLA DI DIO NON È STATA INCATENATA» (2Tm 2,9) Miscellanea in onore di Cesare Marcheselli-Casale per il 70° compleanno.

Einem deutschsprachigen Publikum wurde Marcheselli-Casale durch sein 1992 erschienenes Buch „Von Drewermann lernen. Die Bibel auf der Couch“ bekannt, zu dem Eugen Drewermann das Vorwort geschrieben hatte.

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Die Begeisterung von Jesus und dem Christentum haben meinen Glauben bestimmt

Cesare Marcheselli-Casale (2009)

 

Nach meiner Priesterordination durfte ich mich dem Bibelstudium in Rom widmen, und das Neue durch Jesus, und das Neue Testament, das aufbaut auf dem Alten Testament, studieren.

Das ist mein Glaubens- und Lebensinhalt geworden: weiter lernen, lehren und forschen in dem Wort Gottes, in der Bibel. Die moderne Forschung in der Exegese ist so umfassend, dass man nie an das Ende kommt. Die rhetorischen Möglichkeiten, das historische Umfeld und die archäologischen Neuigkeiten erschließen immer neue Erkenntnisse, und dazu kommt die Faszination der “Umwelt der Bibel“.

Am Anfang stand die Auseinandersetzung mit den Veröffentlichungen meiner heutigen Kollegen, lernen, die verschiedenen Aussagen zu einer Textstelle zu werten und die eigene Meinung zu bilden, unsere eigene Überzeugung zu vertreten und zu untermauern: das war unsere Ausbildung. Höchste Priorität hat immer, den Text als lebenden Organismus zu behandeln.

Erst war ich mir nicht sicher, in welche Richtung mein Berufsleben gehen sollte: den heutigen Weg als Neutestamentler, oder den meines Freundes Michele Piccirillo, der leider letztes Jahr plötzlich verstorben ist, und seinem Wunsch entsprechend in Jordanien, auf dem Moses-Berg Nebo, dem Augapfel seiner wissenschaftlichen Tätigkeit, begraben wurde. Bei ihm durfte ich mich an zwei Ausgrabungen beteiligen. Er hat sein Leben der biblischen Archäologie gewidmet. Unsere Treffen bedeuteten auch immer wieder eine fruchtbare Bereicherung meiner Studien.

Schon sehr bald versuchte ich durch Reisen an die Stätten des Urchristentums, die Orte der Bibel zu erkunden und sie so besser zu begreifen. Immer wieder zogen mich auf vielen Reisen diese archäologischen Stätte und deren Umfeld an. Oft bedeutete es für mich, sich vertraut zu machen an Ort und Stelle mit dem, was ich gerade als Text erforschte. Dank solcher Besuche habe ich bei meiner Arbeit ein lebendigeres Bild von den Texten der Bibel. Das hilft mir meine Forschung klarer zu sehen.

Bei allen Herausforderungen auf diesen Reisen fühlte ich mich, durch meinen Glauben, von Gott getragen. Auch erlebte ich viele freundschaftliche Begegnungen und gelebtes Christentum.

Zuerst fuhr ich in den Semesterferien alleine mit meinem Renault 4 nach Bari, dann mit der Fähre über Griechenland nach Israel.

Hilfsbereite deutsche Schwestern, die mir bei einer Autopanne in Haifa halfen, waren für viele Jahre mein Stützpunkt. Und einige Freunde von mir schlossen sie genauso ins Herz wie ich. Schwester Juditha, Schwester Isidora und Schwester Klara waren arabische Nonnen im Orden der Borromäerinnen. So kam mir die Kenntnis der deutschen Sprache zur Hilfe. Mit großer Herzlichkeit führten sie auch ein Pilgerhaus in Nazareth. Bei meinen Aufenthalten war ich ihr Hausgeistlicher und fuhr sie zu Ihren Besorgungen. Dafür begleiteten sie mich mit Freude zu den Ausgrabungen.

Unvergesslich ist der Besuch von Gamla, eine „Fatamorgana“ in den Golanhöhen.  Nach stundenlanger Fahrt in der Hitze kam nur noch die sich wiederholende Frage von Schwester Isidora: Abuna, sind wir endlich da? Und auf mein Nein seufzte sie zum wiederholten Mal und wischte sich den Schweiß von der Stirn.

Schwester Judithas Marktbesuche waren ein Abenteuer. Mit jedem Händler handelte sie lautstark auf Arabisch. Zum Schluss war mein armes Auto komplett überladen. Aber es hielt immer durch, irgendwie passte Jesus auf uns auf.

Wer schon mal von oben auf die Bucht von Haifa gesehen hat, kennt das hohe markante Gebäude mit den gebogenen Spitzen auf dem Dach. Es erweckte auch mein Interesse, und eines Morgens fuhr ich hin, um es zu erforschen. Eine große Anlage umgibt dieses Hochhaus. Ich fuhr im Schritttempo da durch, bis mir ein Mann entgegenkam. Er schaute erst ungläubig auf mich und mein Auto, dann sah er das Nummernschild NA Italien und fing an zu schreien: „The bomb“. Danach ging alles sehr schnell, ich wurde in einen Raum gebracht, man holte jemanden, der italienisch sprach, und mein Auto wurde auf Sprengstoff untersucht.  Das Haus gehört dem israelischen Militär, und keiner verstand, wie ich in die Anlage hineingekommen war. Ich selber auch nicht. Aber irgendein unbewachtes Schlupfloch hatte ich per Zufall gefunden. Aber auch während dieser kritischen Stunden hatte ich keine Angst, sondern ich wusste dass Gott schon auf mich aufpasst und mich hoffentlich nicht das gute Mittagessen von Schwester Isidora verpassen lässt.

Auch später bei meinen Aufenthalten in Israel  als Gastprofessor im Theologischen Institut der Salesianer in Cremisan, Beit Jala (Bethlehem) und im Institutum Biblicum Franciscanum in Jerusalem war immer eine gewisse Zeit bei ihnen vorprogrammiert. Schwester Juditha und Schwester Isidora haben über 50 Jahre miteinander gelebt. Sicher waren sie nicht immer einfach, und Ihre Aufgabe auch nicht. Aber ihr unantastbarer Glaube hat sie sicher durch das Leben getragen. Mit 93 Jahren wachte Isidora morgens auf und sagte zu Juditha: heute werde ich zu unserem lieben Gott gehen. Juditha schimpfte, das bestimme immer noch der liebe Gott, wann wir sterben. Abends schlief Isidora sanft ein. Ein paar Wochen später folgte ihr Juditha.

Aufenthalte in Israel waren auch immer eng mit dem Judentum für mich verbunden. Die Wurzeln unseres christlichen Glaubens, das heutige jüdische Leben zu erleben, die Sprache zu erlernen und jüdische  Quellen zu sondieren, ließen mich mein Buch über den Auferstehungsglauben in der jüdisch/ hellenistischen Epoche schreiben. Über acht Jahre habe ich mich mit dem Thema befasst.

Meine Doktorarbeit hatte das Thema: Paulus und das Gebet. Einen großen Teil meiner Lebenszeit habe ich mit diesem großartigen Streiter für unser Christentum verbracht und viele Veröffentlichungen über ihn geschrieben. Gerade in diesem Paulusjahr ist das oft das Thema meiner Vorträge bei Tagungen oder in meinen Kursen.

Die Pastoralbriefe haben mich lange im Leben begleitet, und die Veröffentlichungen sind in vielerlei Form erschienen, das Hauptbuch, Auszüge in Aufsätzen und eine gekürzte Fassung.

Während meiner jahrelangen Arbeit daran stellte ich mir immer wieder die Frage: Wären wir heute Christen ohne Paulus? Hätten wir das wunderbare Geschenk des christlichen Glaubens bekommen, wenn er nicht, mit Gottes Hilfe, über 32000 Kilometer das Feuer des Evangeliums des auferstandenen Jesus, welches in ihm brannte, weiter getragen hätte, unseren befreienden Glauben, der uns immer wieder das Licht schenkt.

Israel, Griechenland und die Türkei waren die Anfänge meiner Besuche der Orte, die in der Apostelgeschichte bei Paulus erwähnt werden. Wer diese Länder kennt, kann ahnen, was es bedeutet, Derbe und Lystra, die beiden ersten nichtjüdischen Gemeinden auf asiatischem Boden, zu besuchen, diese unausgegraben Städte der Antike. Nur an der Form des Berges sieht man: darunter liegt eine Stadt. Und die tausenden von Erdmännchen wissen mehr als wir. Dort fahren keine Touristenbusse, es gibt keine Unterkünfte, geschweige ein Hotel. Also reiste ich immer mit dem eigenen Auto, oft mit interessierten Freunden, unter denen eine Fotografin die Paulusstätten dokumentierte. Weit über 20 Jahre hat es gedauert, um an jedem Ort, der bei Paulus erwähnt wird, gewesen zu sein. Einige Orte haben wir natürlich oft besucht. Korinth liegt nun mal auf dem Weg.

Die griechischen Inseln, die er während seiner dritten Reise besucht hat, sind schon etwas schwieriger, und Kauda, die Insel vor Kreta, wo Paulus auf seiner 4. Reise vorbei kam, ist ein Abenteuer. Da hilft kein ADAC mit einer Auskunft über den innergriechischen Fährverkehr. Und um Paulus in dem heutigen Syrien und Libanon zu begegnen, haben wir schon die politische Lage genau beobachtet. In all den Jahren haben wir Syrien zweimal besucht.

Damaskus, der prägnante Ort in Paulus Leben, der Ort seiner Berufung, ist auch heute eine Stadt oft voller Widerspruch, und mittendrin das christliche Viertel mit der Paulus-Kirche, eine Oase voller Frieden und Stille. Auch bei der zweiten Reise durch Syrien in den Libanon standen wir 8 Stunden an der Grenze, die für den privaten Verkehr aus mindestens 7 Stationen besteht. Welch ein Glücksgefühl, in einem Europa zu leben ohne Grenzen.

Mein ganz persönlicher Wunsch, dieses Buch über Paulus, mit Fotos von allen Orten, die in der Bibel erwähnt werden, und als Zusatz nur Texte und Zitate aus der Zeit, zu veröffentlichen, ist jetzt meine Aufgabe.

Es sollte schon längst auf dem Weg sein, aber als ein Mailänder Verlag einen Kommentar über den Hebräer-Brief von mir wünschte, ruhte die Arbeit für Jahre. Doch gerade das Thema vom Jerusalemer Tempel mit seiner heutigen Bedeutung für uns, Moses und die Vollendung in Jesus; das hohe Priestertum durch Jesus im Christentum vollendet, genauso wie das neue Yom-Kippur, das Fest der Versöhnung, unser Osterfest, waren anspruchsvolle Themen, die lange meine Konzentration verlangten.

Sicher sehe ich diese Forschungsarbeit und meine Lehrtätigkeit an der Kath. Fakultät in Neapel als Hauptaufgabe in meinem christlichen Glauben. Aber bei meinen Auslandsaufenthalten entdeckte ich die fruchtbare Symbiose, mit der direkten pastoralen Arbeit die Ergebnisse meiner biblischen Arbeit zu kombinieren. Das Selbstbewusstsein im Glauben durch Wissen zu fördern. In dieser Erfahrung sehe ich auch heute noch mein Ziel.

Gerade in der Zeit nach dem Konzil, als an der Basis unserer christlichen Gemeinden der Aufbruch in eine neue Zeit so stark zu spüren war, geprägt von der froh machenden Botschaft, ging ich oft für Monate diese beiden Wege. So schrieb ich auch das Buch für Italien, „Von Drewermann lernen“, über Drewermann und seine Methodologie zur Auslegung der Bibel unter vollem Respekt der historisch kritischen Methode, das dann sogar wieder ins Deutsche übersetzt wurde.

Mitzuarbeiten an einer zeitgemäßen Sprache, und diese einzusetzen und im pastoralen Dienst zu gebrauchen, ist eine große Erfahrung im Glauben für mich gewesen. Als die Theologischen Universitäten damit beauftragt wurden, vertraute man mir die Apostelgeschichte und den ersten Korintherbrief an. Durch entsprechende Seminar-Arbeit schlugen wir z. B. vor „Die Bekehrung des Paulus“, durch „Die Berufung des Paulus“ zu ersetzen, und das ist auch umgesetzt worden. Viele solcher Beispiele, auch durch eine verbesserte Sprache den befreienden, liebenden Gott in den Vordergrund zu stellen, gibt es.

Oft führte mich der Weg hier nach Deutschland und Ibbenbüren. Und so lernte ich auch Heimat zu finden in einer deutschen Gemeinde, im ständigen Miteinander und Austausch.

Freunde nahmen mich mit auf ihren Wegen in die damalige DDR, Polen und die Tschechoslowakei. Ich fuhr auch alleine; für mich als Italiener war es einfacher, als für westdeutsche Priester, Dinge, die der  Unterstützungen der Ostkirche dienten, über die innerdeutsche Grenze zu bringen.

Auch durfte ich mich an der ökumenischen Arbeit hier intensiv beteiligen. Das war natürlich für mich als Italiener auch eine neue Erfahrung und als Neutestamentler eine Herausforderung, die Wege zur Einheit in unserem Christentum zu betreten.

Seit vielen Jahren bin ich nur noch für ein Semester an meiner Universität und 8 Monate hier im pastoralen Leben tätig. Natürlich verbringe ich auch hier Zeit mit meinen Forschungen.

Aber den Geist der Gemeinde zu spüren und ihre Freiheit im selbstbewussten Glauben zu stärken, ist ein wichtiger Schatz in meinem Glaubensleben geworden.

Wie oft trifft man gerade bei den Taufgesprächen in den Familien, oder zu Beerdigungen auf Menschen, die sonst nie das Gespräch über ihren Glauben suchen, und gewinnt sie für einen neuen Anfang mit ihrem Gott. Gerade bei dem frohen Anlass einer Hochzeit ergibt sich oft das Gespräch über unseren froh machenden Gott.

Oft habe ich in diesen Jahren den Krankenhausdienst übernommen. Wenn Menschen früh in Ihrem Leben zu unserer Heimat bei Gott gehen müssen, ist man natürlich betroffen und hat Mitleid mit den Angehörigen. Aber es gibt auch die Menschen, die ihr Leben gelebt haben und gehen möchten, dann spüre ich die Nähe Gottes wie an keinem anderen Ort.

Cesare Marcheselli Casale